Mon BERLIN : Der Aufstand der Dicken Bohnen

Von Pascale Hugues, Le Point

Ein ekstatischer Schauer durchläuft die Warteschlange vor der Ladentheke des Gemüsehändlers. Sechs Augenpaare starren mich nostalgisch an. Ein Seufzer, gefolgt von gerührtem Schweigen. Hätte der Verkäufer mir ein Stück Haschisch in den Korb gelegt, wäre ein Engel durch den Laden gegangen oder hätte Marilyn Monroe im Bikini das Geschäft betreten, um ein Bund Porree zu kaufen – die Reaktion der Versammlung hätte genau gepasst.

Dabei habe ich nur zwei Kilo Dicke Bohnen für das Mittagessen verlangt. „Dicke Bohnen“, murmelt meine Nachbarin am Rand der Tränen. Sie gibt ein seltsames Glucksen von sich, zwischen Lust und Ohnmacht. Ein sonderbares Geräusch, traurig und frohlockend zugleich. „Dicke Bohnen“, ruft ein Herr mit Barbourjacke, Typ unparteiischer Rechtsanwalt, der dieser Art von Herzensergüssen, noch dazu in der Öffentlichkeit, wenig abzugewinnen weiß. Dieser sehr respektable Herr ist dabei, vor einer Steige Gemüse die Contenance zu verlieren: „Meine Großmutter hatte sie im Garten. In den Supermärkten findet man sie überhaupt nicht mehr. Seit Jahren habe ich keine gegessen“, ereifert er sich mit zitternder Stimme und glühenden Augen.

Mit einem Schlag erwecken die gekrümmten Schoten der Dicken Bohnen, wie sie da in ihrer Steige durcheinanderliegen, tausend ferne Erinnerungen: der Eintopf, der auf kleiner Flamme schmort, der Garten der Großmutter, die Frauen, die die Bohnen in gemütlicher Geselligkeit miteinander enthülsen. Eine hat sich die Schüssel zwischen die Schenkel geklemmt, die anderen werfen die von ihrer Hülle befreiten Bohnen hinein. Man erzählt sich den neuesten Klatsch und Familiengeheimnisse. Dicke Bohnen enthülsen, das ist wie Kaffee mahlen oder Brotteig kneten – verschwundene Bewegungen, langsame Bewegungen, die von der Beschleunigung der Zeit davongetragen wurden.

Dicke Bohnen sind für die Deutschen das, was Prousts Madeleine für die Franzosen bedeutet: Auslöser von Erinnerungen, Katalysator für Gefühle, eine fast magische Art, die Vergangenheit noch einmal zu erleben, ihr Gestalt, Geruch, Geschmack zurückzugeben. Nun brauchen Sie sich nicht zu schämen, weil Sie vielleicht meinen, Dicke Bohnen seien im Vergleich zu unserer edlen proustischen Madeleine trivial. Betrachten Sie doch nur ihr glattes Oval, ihr zartes Grün, wenn sie ihrem groben Gehäuse entschlüpfen. Dicke Bohnen sind so hübsch, so delikat – tausendmal eleganter als ihr hässlicher Name. Die Kunden im Gemüseladen sind diesem regnerischen Sommermorgen jetzt weit, weit entrückt. Sie haben sich um 40 Jahre verjüngt. Die beinahe in Ohnmacht gefallene Dame hat Sommersprossen. Der seriöse Anwalt hat kurze Hosen.

Plötzlich erwacht unsere kleine Gesellschaft aus ihrer träumerischen Benommenheit. Zwischen den Kartoffeln und den letzten Kirschen des Sommers steigt Zorn auf. „Ach“, schreit die Dame, die innerhalb weniger Minuten zur leidenschaftlichen Rebellin geworden ist. Sie erhebt sich gegen alle, die die Dicken Bohnen verachten, gegen die, die in ihnen nur ein alltägliches, gewöhnliches und schwer verdauliches Gemüse sehen. Und schon bläst sie zum Angriff gegen Zucchini und Artischocken, all diese affektierten Gemüsesorten, die von weit her gekommen sind und die Dicken Bohnen ermordet haben. Aber der wahre Schuldige in diesem Drama ist der Rucola, dieses als piekfeiner Salat verkleidete Unkraut, das der rechtschaffenen Petersilie den Todesstoß versetzt hat und sich in sämtlichen deutschen Schickimicki-Gerichten breitmacht.

Der Inhaber des Gemüseladens berichtet der Kundschaft, dass Steckrüben rar und begehrt sind. Nachts werden ganze Felder geplündert. Die Räuber kommen in Lastwagen und nehmen die ganze Ernte mit. Am folgenden Morgen findet der Bauer nur noch eine Wüste vor. Die Diebe verkaufen ihre Beute auf dem Markt. Man stelle sich einmal diese Mafiosi der Steckrübe vor, wie sie, die Gesichter hinter Strumpfmasken verborgen, nachts durch die Felder robben, um ein paar Knollen auszugraben. Eindeutiger Beweis, dass diese lange Zeit verachteten Gemüsesorten ihre Würde wiedergefunden haben. Im Laden tobt der Aufstand der Gerechten. Jetzt können die Roten Bete ihre Köpfe erheben. Die Schwarzwurzeln gewinnen ihr Selbstvertrauen zurück. Stolz drückt der Spitzkohl die Brust heraus. „Tod dem Rucola!“, skandieren die Steckrüben, bereit, in den Krieg zu ziehen. „Wir sind wieder wer!“, schreien die Dicken Bohnen hinter der Ladentheke.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke.

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