Mon BERLIN : Der Berliner hat recht, wa!

Der Berliner will gar nicht wissen, welche Meinung der andere hat. Deshalb stellt er so gerne dieses kleine Wort ans Ende: wa!

Pascale Hugues[Le Point]

Der Berliner hat immer recht. Und er hasst es, wenn man ihm widerspricht. Um die Gültigkeit seiner Meinung zu unterstreichen, um seinen wie eine absolute Gewissheit abgerundeten Satz zu beschließen, stellt er dieses kleine Wort ans Ende: wa!

Dieses beim ersten Hören so überraschende „wa“ ist, wie mir erklärt wurde, die Volksversion des „nicht wahr“ oder „stimmt’s“ des Hochdeutschen. Aber damit das klar ist: Das „wa“ am Satzende ist eine rein formale Sache. Denn das „wa“ erwartet keine Antwort. Haben Sie bemerkt, dass das „wa“ in geschriebener Form nur selten mit einem Fragezeichen einhergeht, sondern viel häufiger mit einem Ausrufezeichen?

Eigentlich will der Berliner gar nicht wissen, welche Meinung der andere hat. Wäre der andere nicht einverstanden, wäre es dem Berliner auch egal. Das „wa“ ist nicht so sehr ein zweifelndes Seufzen oder eine Bitte um Rat als ein selbstbewusster Knall, der eine Behauptung abschließt. In Wirklichkeit wendet das „wa“ sich an denjenigen, der es ausspricht. Es bestärkt ihn in seiner Meinung. Es beklatscht seine Sicht der Welt. Das echoende „wa“ schmeichelt seinem Ego. Denn so ist es doch: Der Berliner hat meistens recht, wa!

Auf den ersten Blick könnte man das „wa“ für einen nutzlosen Parasiten halten. Allerdings wäre es falsch, es nur als einen schlichten Schnörkel ohne besondere Funktion anzusehen. Das „wa“ ist wie ein Luftholen zwischen zwei Behauptungen. Es gewährt eine kurze Erholungspause, bevor man sich gestärkt in eine neue Flut von Gewissheiten stürzt. Aber Vorsicht, das „wa“ kann gefährlich werden. Wenn es in aggressivem Ton herausgeschleudert wird, verwandelt es sich in eine Herausforderung, auf die man besser nicht eingeht. Du hast wohl ein Problem, wa! Im Klartext heißt das: Du willst meine Faust in der Fresse oder was! Will man heil davonkommen, sollte man die Augen senken und sich wie ein Feigling mit kleinen Schritten entfernen. Würde man auf das „wa“ mit einem Achselzucken oder mit Argumenten reagieren, könnte das fatale Folgen haben. Wa macht den, der es sagt, zum Platzhirsch.

Vergeblich habe ich mich bemüht, das Berliner „wa“ in eine andere europäische Sprache zu übersetzen. Das „wa“ ist nicht das englische isn’t it, das zum dazugehörigen Subjekt passt. Isn’t it… aren’t they… Das „wa“ ist unabhängig. Es belastet sich nicht mit Grammatikregeln. Es existiert für sich allein und schert sich nicht um den Rest der Welt. Das „wa“ wird mit offenem Mund und runden Augen hervorgestoßen. Man sieht nicht besonders intelligent aus, wenn man „wa“ sagt. Man hängt das „wa“ mitten in die Unterhaltung, es schwebt einen Moment in der Luft, explodiert und sinkt zu Boden. Am ehesten könnte man noch eine phonetische Ähnlichkeit zu oua finden… Das oua oua der französischen Kinder, wenn sie die Sprache der Hunde nachmachen. Merkwürdig, diese Berliner, dachte ich bei meiner Ankunft in der Stadt, mitten im Gespräch fangen sie zu bellen an.

Das „wa“ entspricht aber auch nicht dem französischen n’est-ce pas. Das n’est-ce pas ist etwas altmodisch und affektiert. Heute hört man es kaum noch. Man bevorzugt das hein (ausgesprochen wie das französische Wort„pain“). Vielleicht kommt das süddeutsche (und elsässische) „gell“ ihm noch am nächsten.

Ja, das „wa“ ist nicht gerade elegant. Es gellt in den Ohren der deutschen Sprachpuristen. Das „wa“ ist ein lexikalischer Outlaw, ein Eindringling, der nach den Hinterhöfen von Prenzlberg riecht. Ein Asozialer, wie man heute sagen würde. Ein „wa“ bei einer mondänen Cocktailparty oder einer Soiree in der Botschaft ist das Gleiche, als würde man sich die Nase mit der Leinenserviette putzen und seine Leberwurststulle verschlingen, während die anderen gepflegte Konversation treiben und zurückhaltend an einem Kaviartoast knabbern.

Das „wa“ ist eher Lautmalerei als Verkleinerungsform, eher Magenknurren als Wort. Einfach ein Geräusch. Das „wa“ ist wie der Berliner: direkt, eher ruppig, aber mit viel Humor. Ich bin ein „wa“-Fan. Ich liebe das „wa“, weil es frech und selbstbewusst auftritt. Ich liebe das „wa“, weil es mir sofort ein beruhigendes Heimatgefühl gibt, und wenn der Berliner auch noch ein junge Frau hinzufügt, bin ich im siebten Himmel. Ich liebe das „wa“, weil es klar beweist, dass die Globalisierung die Sprache noch nicht platt- gemacht hat. Das tapfere kleine „wa“ widersetzt sich. Es ist der letzte Rebell von Berlin.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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