Meinung : MON BERLIN Der freie Wille landet in der Tonne

Pascale Hugues

Eigentlich hatte ich mir geschworen: Finger weg von den Mülltonnen! Wer das deutsche System der Mülltrennung zum Thema einer Glosse macht, huldigt dem simpelsten aller Klischees, haut platt in jenes Register der Stereotypen, das zwischen Oktoberfest, Karneval und der deutschen Vorliebe für Disziplin oszilliert.

Zumal ich längst dazu übergegangen war, mich den Regeln zu beugen. Jeden Tag zeige ich aufs Neue meinen Willen, mich in meine Wahlheimat zu integrieren. Brav reihen sich in meiner Küche vier Müllbehälter aneinander: einer für Papier, einer für Glas, einer für Verpackungen und einer für Kompost. Ich habe mir angewöhnt, die kleinen Bio-Joghurt-Becher ihrer Papierumhüllung zu entkleiden und säuberlich getrennt zu entsorgen: das Töpfchen in den rechten Mülleimer, die Umhüllung in den linken. Niemals würde ich eine Batterie in den Hausmüll werfen – nein, ich entsorge meine Schadstoffe pflichtgemäß im dafür vorgesehenen Container in der Drogerie um die Ecke.

Klar, ab und zu genehmige ich mir eine kleine Entgleisung – bloß, um nicht zum Zwangsneurotiker zu werden. Dann landet, schwupps, eine Dose Tomatensauce unter den Kartoffelschalen, und eine Plastiktüte schiebt sich diskret zwischen die alten Zeitungen. Das erleichtert! Das tut keinem weh! Und es verschafft einem die Illusion, sich ein Quentchen freien Willens bewahrt zu haben!

Und natürlich bewahrte ich mir auch eine gewisse Perplexität angesichts der Logik so mancher behördlicher Entscheidung. Etwa damals, als die Grünflächen am Schlachtensee komplett verdreckt waren, weil sich die Müllabfuhr folgenden schlauen Plan ausgedacht hatte: Wenn man die Mülleimer entfernt, werden die Leute gezwungen, ihre Abfälle mit nach Hause nehmen. Ich bewundere den unerschütterlichen Glauben dieser Behörde an die Menschheit – als ob Disziplin und Bürgersinn angeborene Tugenden seien.

Ich hatte also einen Kompromiss gefunden, mit dem es sich leben ließ. Bis sich Herr Trittin dieses barocke Gesetz zum Dosenpfand ausdachte. Seitdem hielt das Chaos Einzug in mein Leben. Auf der Kommode im Flur türmen sich Pfandmarken aus allen Ecken Deutschlands, und ich erwarte mit Ungeduld die Gelegenheit, an einer Tankstelle im hintersten Winkel Wendlands zwei Cola-Dosen zurückgeben zu können. In einem Korb fiebern 25 Flaschen Pellegrino ihrer ungewissen Wiedereinbürgerung entgegen. Es ist unmöglich, die Küche zu durchqueren, ohne über heimatlose Dosen zu stolpern. Da es mir nicht gelingen wollte, die Logik des neuen Systems zu durchschauen, wurde ich handlungsunfähig und vergrub den Kopf unter dem wachsenden Dosenberg.

In Deutschland ist die Mülltrennung ein Fach für sich. Eine sensible Angelegenheit, die lauter Eigenschaften erfordert, über die ich bedauerlicherweise nicht verfüge: karthesischen Geist, ausgeprägten Sinn für Organisation, eiserne Disziplin, das Gedächtnis eines Elefanten, eine reichliche Dosis Zivilcourage und jede Menge guten Willen.

Eine Weile war ich hin- und hergerissen zwischen Wut und Verzweiflung, dann verlor ich die Nerven: Gestern Nacht habe ich im Schutz der Dunkelheit alle Marken und Flaschen in den Restmüllcontainer entsorgt. Seitdem geht es mir besser. Mit großen Schritten bewege ich mich durch meine befreite Wohnung. Und niemand hätte von meinem Regelverstoß etwas mitbekommen – wenn ich nicht die dumme Idee gehabt hätte, zur Erleichterung meines schlechten Gewissens mein Delikt an diesem Samstagmorgen zu beichten.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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