Mon BERLIN : Der Friseur verliert seine soziale Funktion

Wird eine alte Berliner Einrichtung bald der Beschleunigung zum Opfer fallen? Bedroht das "Cut and Go“ den traditionellen Friseursalon?

Pascale Hugues[Le Point]

Wird eine alte Berliner Einrichtung bald der Beschleunigung zum Opfer fallen? Bedroht das „Cut and Go“ den traditionellen Friseursalon? Seit ein paar Jahren erscheint dieses Fastfood für den Haarschnitt an jeder Straßenecke. Wenn es sich weiter so vermehrt, wird es in dieser Stadt bald mehr Expressfriseure als Kneipen geben, und die Stadt, bis heute eine der langsamsten Metropolen Europas, wird ihre Schwestern Paris und London in ihrem verzweifelten Lauf gegen die Uhr eingeholt haben. Denn für den Haarschnitt will man keine Zeit mehr verschwenden.

Man muss sich nicht mehr im Voraus anmelden. Man stürmt in den Laden, wenn einem gerade danach zumute ist. Man zieht eine Zahl wie bei der Passverlängerung im Konsulat oder im Einwohnermeldeamt. Man wartet einen kurzen Moment, kaum berührt der Po die Kante eines Designersessels, man ist bereit zum Sprung. Rasche Haarwäsche, schneller Schnitt, ohne dass mit dem stummen Friseur ein Wort gewechselt wird. In den neuen In-Lokalitäten schlürft man eine Bionade oder einen grünen Gewürztee, während man vor sich hin starrt. Klipp, klapp, fertig! Der Friseur schickt einen ganz allein in die Ecke zum Haaretrocknen. Das ist billiger und ein bisschen so, als würde man im Restaurant abwaschen, um die Rechnung zu ermäßigen. Man verliert keine Zeit mehr mit Föhnen, Lockenwicklern, Lockenstab, Wolken von Haarspray, die in der feuchten Luft dahintreiben. Schluss auch mit der Maniküre. Früher zog die Metamorphose sich über Stunden hin. Leicht benommen und erstarrt verließ man den Salon. Heute ist die Angelegenheit in einer Viertelstunde beigelegt.

Vor allem darf man nicht in den Tiefen seines Sessels oder in den Windungen eines Gesprächs versinken. Der Gang zum Friseur ist ein flinkes Intermezzo ohne Stimmung, eine ganz kurze Unterbrechung im frenetischen Rhythmus des Tages. Man darf weder Zeit noch Geld verlieren, indem man sich von einem redseligen Figaro verwöhnen lässt, der seine politischen Theorien herniederregnen lässt, während er einem den Schädel mit kräftigendem Haarwasser massiert. Der Friseurbesuch hat nichts mehr mit Luxus und Genuss zu tun, bei dem man Kopf und Körper den Händen des Experten überlässt. Wie Pick and Pay, Take away oder Park and Drive ist das Cut and Go eine neutrale Handlung ohne besonderes Engagement.

Darüber hinaus verliert der Friseursalon allmählich seine soziale Funktion. An diesen Ort, geschlossen und diskret wie ein Beichtstuhl, kam man, um sein Gewissen zu erleichtern und die Welt neu zusammenzusetzen. Der Friseur: Vertrauter in der Tragödie, seelischer Mülleimer, Berater, gelegentlich auch Prügelknabe, ein Echo der eigenen Gedanken. Zwei Schritte abseits lächelte er in den Spiegel und empfing wohlwollend die Seelenqualen, die Rückenschmerzen und die kleinen ästhetischen Kümmernisse. Dreimal mit der Schere geklappert, und die Sorgen waren weg.

Bei den Frauen erfüllte der Friseursalon die gleichen Aufgaben wie das Kaffeekränzchen. Unter der Haubenreihe zogen die Frauen stundenlang über die Nachbarschaft her. Noch in den 70er Jahren gingen gutbürgerliche Frauen einmal in der Woche zum Friseur. Nie hätten sie daran gedacht, sich selbst die Haare zu waschen, den Kopf über die Badewanne gebeugt. Sie hatten einen festen Termin, an dem sie sich die Strähnen und den ehelichen Verdruss in Ordnung bringen ließen, an dem der Friseur die kunstvolle Architektur ihrer Haare wieder aufbaute. Hier verbrachten sie den Nachmittag und nannten die Friseurin, immer dieselbe, beim Vornamen. Maryvonne, Solange, Odette … vor der Globalisierung trugen die französischen Friseusen wunderbar altmodische Vornamen und gehörten fast zur Familie. Sie waren mit rosa Nylonkitteln und orthopädischen Sandalen ausstaffiert. Heute nennen die Friseurinnen sich von Paris bis Berlin Bianca, Jessica oder Samantha. Sie beziehen ihre Vornamen von den Starlets der amerikanischen Fernsehserien. Und mit ihren Tattoos und ihren gebleichten Strähnchen sehen sie alle gleich aus.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

Von Pascale Hugues ist das Buch „Marthe und Mathilde“ erschienen (Rowohlt), in dem sie das Leben ihrer Großmütter erzählt.

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