Mon Berlin : Der Weihnachtsrundbrief

Pascale Hugues, Le Point, über das Panorama der verlorenen Zeit.

Ein paar Tage vor Weihnachten fühlt man, wie sie näher kommt: diese sanfte Melancholie wie ein Nebeltag am Schlachtensee, Augen, die wegen jeder Kleinigkeit feucht werden, dieser gerührte Blick auf das vergangene Jahr. Ja, zum letzten Mal möchte man sich umdrehen und die davonziehenden Tage ansehen. Alles ist so schnell gegangen: die Ferien, der runde Geburtstag, die Taufe des Kleinen … Gern würde man alles noch ein wenig bewahren und diese Bilder fixieren, die bald nur mehr statische Erinnerungen sein werden, man würde das Leben festhalten, das vorbeifließt wie die Seine unter dem Pont Mirabeau. Liegt darin die Aufgabe der bizarren Einrichtung, die sich Rundbrief nennt? Ja, es stimmt, der Rundbrief zeigt ein vollständiges Panorama der verlorenen Zeit. Die Geburten, die Sterbefälle, die Hexenschüsse, die im Urlaub erklommenen Gipfel, die ersten Worte der Kinder … alle Stationen sind da. Und jeder Rundbrief erzählt eine Menge über den Charakter seines Verfassers.

Der Esoteriker. Mir und 58 anderen offenbart er die Wohltaten, die ihm Feldenkrais und Gruppentherapie schenken. Er analysiert für uns die mühsame Lösung seines Ödipuskomplexes und vertraut uns die verwickelten Zwiegespräche mit seiner Ehegattin an. Aber möchte ich das alles wissen?

Der Ehrgeizige. Sein Rundbrief ist ein Präsentierteller. Er stellt die Pracht seiner Familie aus: Seine Kinder sind Einserschüler am feinsten humanistischen Gymnasium. Der eine ist ein Mozart am Klavier, der andere ein Boris Becker auf dem Tennisplatz. Die Hypotheken für das Haus sind getilgt. Davor parkt sein neues Auto. Seine Frau sieht aus wie Carla Bruni. Wenn ich den strahlenden Rundbrief des Ehrgeizigen weglege, fühle ich mich, als hätte ich mein Leben verpfuscht.

Die Unglückliche. Meine alte englische Freundin hat Pech in der Liebe. Alle Jahre wieder kündet ihr Rundbrief von Verrat, Tränen und Seelenschmerz. Eine Racine’sche Tragödie auf blauem Papier, oben rechts ist ein kleiner Stern aufgeklebt, und unten links steht ein trauriges „Merry Christmas“.

Die Hemmungslose. Ich habe den Rundbrief einer Freundin aus Québec aufgehoben, in dem sie detailliert ihre erste Entbindung schilderte: Abstand der Wehen, Öffnung des Muttermundes auf den Millimeter genau, schokoladenbraune Farbe der Plazenta. Sarah wog 3,4 Kilo, und die guten Wünsche ihrer Mutter erinnerten an einen gynäkologischen Bericht. Das Problem dabei: Jedes Mal, wenn ich meine Québecerin treffe, muss ich an die Öffnung ihres Muttermundes denken.

Der Eilige. Für ihn ist der Rundbrief wie Fastfood. Wenn seine Mail auf meinen Bildschirm auftaucht, komme ich mir vor wie das letzte Glied in einer Produktionskette für Massenglückwünsche. Ein Weihnachtsgruß der Landesvertretung Rheinland-Pfalz von heute Morgen: „Sehr geehrter Herr Hugues. Wir wünschen Ihnen und Ihre Familie alles Gute.“ Dabei bin ich ganz sicher, dass ich mit meinen Kindern noch nie einen Fuß in die Landesvertretung Rheinland- Pfalz gesetzt habe, und an eine Geschlechtsumwandlung kann ich mich auch nicht erinnern.

Der Kanzelredner. Er leitet ein Unternehmen in Düsseldorf, aber zu Weihnachten hält er sich für einen Pfarrer. Den finde ich am schlimmsten. Jedes Jahr schreibt er mir. Wir sind uns irgendwann zufällig über den Weg gelaufen. Seither lässt er mich nicht mehr los. „Werte brauchen ein Erscheinen …“, schreibt er dieses Jahr. Die drei Pünktchen fordern mich auf, über den Sinn meiner oberflächlichen Existenz einmal gründlich nachzudenken. Der Kanzelredner erläutert mir die Bedeutung des Seins. Fein definiert er den Begriff der Kultur: „Die Kulturen leiden angesichts der Dichte des Geschehens unter Atemnot.“ Icke och. Schnell! Ich öffne eine Flasche Crémant d’Alsace. Genussvoll gieße ich ein Glas hinunter. Santé! Liebe Grüße nach Düsseldorf! Ah, jetzt geht es schon besser.

Dann gibt es da noch – last but not least – die Weihnachtswünsche von Roland Berger Strategy Consultants. „We wish you health, strength, courage and prosperity for 2008.“ In english, of course. Und ein Heft von zehn eng bedruckten Seiten. Professor Theodor W. Hänsch, Nobelpreisträger in Physik, gibt erlesene Gedanken zum Besten: „Creativity as a factor of business“ oder „Deep in the heart of Silicon Valley.“ Hilfe! Wo ist mein Crémant? Deep in meinem Sessel versunken, genieße ich meine Oberflächlichkeit. Zwei Tage vor Weihnachten geht es doch nur darum, dass man gut isst und sich ein bisschen amüsiert. Oder?

Deshalb werde ich mich für Sie, liebe Leser des Tagesspiegels, kurz fassen. Nehmen Sie sich ein Glas Crémant. Denken Sie an gar nichts. Freuen Sie sich einfach. Sind Sie bereit? Also: JOYEUX NOEL!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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