Mon BERLIN : Die Balzacs von Prenzlauer Berg

Pascale Hugues, Le Point

Schluss mit dem verkannten Schriftsteller, der von der Welt abgeschnitten in seiner Mansarde haust, begleitet allein von seinem Trübsinn und seinem Wälzer. Schluss mit dem Dichter im Absinthrausch, der bei geschlossenen Vorhängen und verriegelter Tür einsam in seiner düsteren Kammer hockt. Der Schriftsteller von Prenzlauer Berg schafft sein Werk unter den Augen der Öffentlichkeit, bei Tageslicht an einem kleinen runden Tisch auf einer Caféterrasse, Flip-Flops an den Füßen, den Nabel im Freien.

Es heißt, dass Prenzlauer Berg pro Quadratmeter die größte Schriftstellerdichte der ganzen Republik aufweist. Um 10 Uhr früh rattern unter den Platanen bereits die Laptops. Vergleichbar einem Zugabteil ist das Café ein öffentlicher und zugleich anonymer Ort, wo man ungestört schreiben und sich doch der anregenden Gegenwart anderer Menschen erfreuen kann. Simone de Beauvoir hatte das Café Flore. Das Haar unter ihrem berühmten Turban verborgen, saß sie auf einer Bank und erfand auf ihrem Schreibblock das Paar noch einmal. Auch Anna Seghers ging zum Schreiben in ein Pariser Café. Sie floh vor ihren Kindern und der häuslichen Unruhe. Das Exil gehört zu den produktivsten Zeiten in ihrem Leben. In sieben Jahren Café verfasste sie vier Romane. Zum Schreiben, sagte Virginia Woolf, braucht man einen room of one’s own. Und dieser Raum kann auch eine Caféterrasse sein, wenn man fähig ist, seine Umgebung zu vergessen.

Anders als eine Bibliothek erstarrt das Café nicht in lähmendem Schweigen. Es ist nicht wie die eigene Wohnung ein Ort der Versuchung, an dem die Dämonen einen umschleichen wie den heiligen Antonius in der Wüste: ein Anruf, eine Maschine voll Wäsche, eine Unterhaltung mit der Nachbarin von Balkon zu Balkon, ein Buch, in dem man nur etwas nachschlagen will, in das man sich aber am liebsten stundenlang versenken würde. Im Café tobt das Leben um einen herum. Die Kellnerin serviert ein monumentales Frühstück. Am Nebentisch küsst sich lustvoll ein Paar, und ein Autobus „Schwabenland“ gleitet die Straße entlang. Hinter den getönten Scheiben starren einen 35 gierige Augenpaare an. Die Rentner aus Villingen-Schwenningen besuchen die Hauptstadt, den Zoo.

„Du, ich habe noch relativ viel an der Backe mit dem Drehbuchschreiben“, erklärt eine junge Frau, die an ihrem Handy und ihrem Croissant mit Erdbeerkonfitüre hängt. Es ist jetzt 11 Uhr. Sie ist noch nicht ganz wach, doch schon fühlt sie, wie die schöpferische Bedrängung in ihr hochsteigt wie die Sonne am Horizont. Die Verschlafene hat unter ihrem linken Spaghettiträger eine tätowierte Margerite und auf dem Kopf eine Che-Guevara- Mütze. Ihre Stirn ist umwölkt, ihr Blick auf den Bildschirm geheftet, der so blau ist wie der Himmel über Berlin. Sie schreibt eine Szene über die Trennung eines Paares. Anne verlässt Sven in der Lychener Straße. Sven zieht in die Kollwitzstraße. In Prenzlauer Berg geht es nicht darum, sich mit der Neuerschaffung der Welt abzuplagen. Die Existenzialisten unserer Zeit sind in diesen Tagen in Heiligendamm und lassen sich von der Polizei verprügeln.

„Wer schreiben will, muss sehen können“, sagt der Prospekt der Drehbuchwerkstatt ein paar Türen weiter. Der Intensivkurs „Von der Idee bis zum Script“ für Filmautoren dauert neun Monate. Man stelle sich Fassbinder und Truffaut vor, wie sie Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr nebeneinander wie fleißige Schüler in dem Kursraum sitzen, den man von der Straße aus einsieht.

Es fehlt nur eine Gauloise und ein petit noir, und schon könnte man sich ins Saint Germain des Prés der 50er Jahre versetzt glauben. Doch die Simone de Beauvoir von Prenzlauer Berg bevorzugt eine lauwarme Latte macchiato und eine Holunder-Bionade. Voltaire, so erzählt Rousseau, trank täglich 40 Tassen Kaffee, um „wach zu bleiben und um nachzudenken, nachzudenken, nachzudenken, wie der Kampf gegen Tyrannen und Dummköpfe zu führen sei“. Und Balzac, der am liebsten im Bett schrieb, nahm angeblich 50 000 Tassen Kaffee zu sich (die erste morgens um drei Uhr), als er „Die menschliche Komödie“ schrieb.

„Schwarz wie die Hölle, stark wie der Tod und süß wie die Liebe muss der Kaffee sein“, so ein türkisches Sprichwort. Wie hätte wohl Rastignac ausgesehen, wenn Balzac in Flip-Flops unter einer Platane in Prenzlauer Berg eine koffeinfreie Latte macchiato aus Sojamilch geschlürft hätte?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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