Meinung : MON BERLIN Die Deutschen und ihr Dixi

Pascale Hugues

Im Stehen gegen eine Mauerecke zu pinkeln, mitten in der Stadt, am helllichten Tag, das gehört für die Deutschen ins Reich der mediterranen Folklore, genau wie Wäscheleinen an italienischen Häuserfassaden und Frösche in Knoblauch auf französischen Tellern. Ein vollkommen abstoßendes, aber gleichzeitig faszinierendes Ritual. Was dem Franzosen ein männlicher Befreiungsakt ist, eine gesunde Selbstbestätigung, ein einfaches, einsames Vergnügen, davor schaudert es dem Deutschen bloß, da sieht er nur vulgäre Sitten, Perversionen von Machos, Instinkte von unzivilisierten Wilden. Ein Verstoß, den sich die Deutschen nicht erlauben. Aus diesem Grund huldigen sie dem Dixi-Kult.

Urbane Ikone

Einen Kreuzzug gegen Dixi-Klos müsste man in Berlin beginnen. Sie sind überall: vor dem eingerüsteten Haus am Ende meiner Straße, ein paar Meter weiter an der Kreuzung, auf Parkplätzen, selbst vor dem Reichstag, wo der Urin von acht Millionen Besuchern pro Jahr gesammelt werden will. An jeder Straßenecke hat der Hygiene-besessene Senat kleine blassblaue Kabinen aufgestellt, die in ihrer diskreten Art an Beichtstühle erinnern.

Das Dixi-Klo prägt die Berliner Landschaft wie Briefkästen und Telefonmasten: eine urbane Ikone. Zuverlässig begleiten die Dixis jede deutsche Massenversammlung. Sie waren es auch, die die großen pazifistischen Kundgebungen auf der Bonner Hofgartenwiese einrahmten. Stets kommen sie als Erste an, noch vor der Flut der Demonstranten, und stets gehen sie als Letzte, zusammen mit den Kehrmaschinen. Sie halten die Ecstasy-geladenen Raver der Love Parade davon ab, im Tiergarten anarchistisch in die Begonien zu pinkeln. Sie waren die ersten kapitalistischen Eroberer, die ihren triumphalen Einzug in die DDR hielten, noch vor der D-Mark und der Marktwirtschaft, noch vor „Taste the West“, Beate Uhse und der Sparkasse. Und hätten die Deutschen Krieg mit Mesopotamien angefangen, zweifellos hätten sie auf ihren Panzern Dixi-Klos mitgenommen.

Juwel auf dem Schlossplatz

Naiv glaubte ich, man könne den Dixis entkommen, indem man einfach aus Berlin flüchtet. Die Landschaft an den Ufern der Oder, so dachte ich, stellt großzügig Millionen von Sträuchern und Büschen zur Verfügung, an denen natürliche Bedürfnisse befriedigt werden können. Das Dixi-Klo wäre überflüssig, ein urbaner Luxus, aus dem kommunalen Fenster geworfenes Geld. Aber als ich morgens in dem kleinen Dorf Bollenberg meine Tür öffnete, blickte ich nicht auf weite Flure unberührter Natur, sondern auf ein unverschämtes Dixi-Klo, das direkt vor meiner Nase stand.

Es gibt in Bollenberg keine Kneipe, keine Bäckerei, keinen Lebensmittelladen, nicht mal einen eigenen Pfarrer für die Kirche. Aber Bollenberg hat sein eigenes Dixi-Klo. Es dominiert das ganze Dorf und nimmt die nobelste Stelle für sich in Anspruch – den Schlossplatz. Drei Säufer, der pommersche Bauer vom Ende der Straße und vier ein bisschen kurz geratene Skinheads sind die treuen Benutzer dieses „Clochemerle“, der Latrine der Moderne. Jedes Volk bekommt eben die Folklore, die es verdient.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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