Mon Berlin : Die Frauen, die Schweinshaxe und der Orgasmus

Wenn Frauen ins Erzählen kommen, haben die Männer das Nachsehen, findet unsere Gastkommentatorin Pascale Hugues. Ein Erfahrungsbericht einer Zugfahrt.

Pascale Hugues

Mich fasziniert die Fähigkeit von Frauen, Stunden und Stunden zu reden. Eine harmlose Mitteilung wird wie ein trockenes Holzscheit auf die Glut gelegt. Sofort entflammt das Gespräch. Nacheinander quellen die Sätze heraus, kraftvoll und farbig. Wo Männer sich damit begnügen, ihren Beitrag an genau ausgerichteten Informationen loszuwerden, ergehen Frauen sich in barocken Abschweifungen. Eine Geschichte ruft die nächste hervor. Ein Thema teilt sich in ein Dutzend Splitterthemen. Abrupte Wendungen, vielfältige Verflechtungen, geheime Gänge. Die Männer hassen diese Redundanz wie die Pest („Das hast du schon drei Mal gesagt!“), die Frauen schwelgen in der genussvollen Wiederholung derselben Erzählungen. Die weibliche Konversation ist ein unentwirrbares Labyrinth.

Woher will sie das wissen, fragen Sie sich? Um meine Behauptung empirisch zu belegen, braucht man nur am Freitagnachmittag mit dem ICE nach Berlin zu fahren. Eng aneinandergedrückt sitzen fünf Frauen an einem Tisch im Speisewagen. Lesezirkel, Yoga oder Französischkurs, Ausflug zum KaDeWe, Martin-Gropius- Bau und Rosenthalerstraße.

„Herr Ober, bitte!“ Der Zug hat den Bahnhof ihrer Stadt in der Provinz noch nicht verlassen, da heben sie schon synchron ihr Glas Rotkäppchensekt. „Prost! Auf unsere Reise!“, ertönt es im Chor. Eine dankbare Stimme erhebt sich aus dem Gewirr: „Ich freue mich, wieder dabei zu sein!“ Es geht gut los. Die Wangen röten sich, die Stimmen steigen um eine Oktave, das Lachen flirrt. Sie sind ein bisschen zu zwanglos, ein bisschen zu vergnügt, ein bisschen zu laut. Wie eine Gruppe kleiner Mädchen am Tag vor Weihnachten. Gabi, Hannelore, Gertrud, Mechthild und Helga. Sie sind zu fünft und machen Lärm für 15. Ganz allein gleiten sie über die Schienen. Und großzügig lassen sie unsere ganze Versammlung an ihrer Unterhaltung teilhaben.

„Pardon“, flüstert Gabi einem ungelegenen Anrufer auf dem Handy zu. „Ich bin in der Eisenbahn!“ Und im Jahrhundert der industriellen Revolution! Der Kellner wirkt etwas überwältigt, als er die Teller mit dem Hühnerfrikassee auf die weiße Tischdecke stellt. „Danke schöön …“, schreien die Damen fünf Mal, eine nach der anderen. „Lasst es euch schmecken, Mädels!“, fügt Hannelore hinzu. Mädels heißt: Wir sind unter uns, ganz allein, und zum Teufel mit den Gatten, die zurückgeblieben sind, in Bielefeld.

Zwei Stunden sind vergangen. Das Gespräch hat sich ernsten Fragen zugewendet. „Wir werden nicht begraben, wir werden entsorgt!“, stößt Gabi aufrührerisch aus. „Wir sitzen auf dem Sondermüll“, fügt Helga hinzu und erntet viel Beifall für ihre provozierende Metapher. Und alle tauchen die Lippen in ihre Rotkäppchengläser, als hätten sie nur noch dieses Wochenende, diesen Ausflug unter Frauen, diesen letzten Augenblick zwischen dem ICE vom Freitagnachmittag und dem vom Sonntagabend, um das Leben auszukosten, bevor sie auf die große Müllkippe des Jenseits geworfen werden.

Kleine Abweichung zu Gabis Kreuzweg, die eine Woche – „ja, eine Woche!“ – warten musste, bis ihre Waschmaschine repariert wurde. Übergangslos folgt der Urlaub. Ein Mysterium, wie Frauen von einem Thema zum anderen hüpfen. Man müsste die unterirdischen Wege der Psyche analysieren, wollte man eine logische Verbindung zwischen dem Tod und der defekten Waschmaschine finden. Inzwischen schließe ich Wetten mit mir selber ab: Wann werden sie endlich zu den Krankheiten kommen? Und sie bleiben nicht aus. Der Ober bringt den Kaffee. Bänderriss von Hannelore, Schlaflosigkeit von Mechthild, Prostata von Helgas Ehemann. Kein Gedanke daran, eine Zeile in der Zeitung zu lesen oder sich beim Blick auf die Winterlandschaft draußen in Träumereien zu verlieren.

Von der Arthrose sind die Damen zur Schweinshaxe gesprungen. „Du musst die nur in den Ofen schieben!“ Ein freudiger Schauer rieselt den Damen über den Rücken. Vom letzten Steißbeinwirbel bis zum Nacken, die Schweinshaxe wie ein Orgasmus. Die Unterhaltung beschleunigt sich im Rhythmus des Zuges, der in die letzte Gerade vor dem Hauptbahnhof einbiegt. Schweinshaxe, Roulade, Coq au vin. Grünkohl.

„Wir erreichen jetzt Berlin Hauptbahnhof!“ Schals, Mäntel, Mützen wirbeln durcheinander. Lachen. Gedränge. Dreimal kurz umgedreht, und schon sind sie verschwunden. An ihrem verlassenen Tisch sitzt nur ein einzelner Mann. Ich hatte ihn nicht bemerkt. An die Scheibe gedrückt, in sich zusammengesunken, winzig. Die ganze Reise über hat er kein Wort gesagt. Er ist wie betäubt. Und er kommt nur mühsam wieder zu sich. Mädels, Mädels, was habt ihr mit dem armen Kerl gemacht?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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