Mon BERLIN : Die Hautschuppen der Prinzessin Diana

Thomas Manns Lübecker Schulzeugnis, Nelson Mandelas Aluminiumnapf oder Honoré de Balzacs Kaffeekanne: Was uns an den kleinen Objekten der Großen fasziniert

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Vor vielen Jahren, so erzählte mir gestern ein alter englischer Freund ganz im Ernst, habe Prinzessin Diana ihn persönlich begrüßt, und danach habe er sich die Hände nicht mehr gewaschen. Dieses merkwürdige Bekenntnis überraschte mich so, dass ich ganz zu fragen vergaß, ob er sich die Hände in den folgenden Stunden nicht gewaschen habe oder überhaupt nie mehr.

Im Geiste überschlug ich: Die Prinzessin von Wales starb 1997. Einmal angenommen, der Handshake hatte zwei Jahre zuvor stattgefunden, wäre es denkbar, dass Jeremy sich in den 17 Jahren seither die Hände nicht mehr gewaschen hätte? Ein intelligenter Mann, Familienvater, in den exklusivsten britischen Internaten erzogen, Oxfordabsolvent, Agnostiker und überzeugter Republikaner, Labourwähler – um dann als Anhänger eines derart primitiven Personenkultes zu enden! Eine Prinzessin verehren! Was hatte diese flüchtige Berührung ihm eingetragen: den Duft einer Handcreme, den Dunst des royalen Schweißes, einige Hautschuppen und weitere nicht identifizierbare Partikel?

Es irritiert mich immer, wenn ich Museen besuche, die dem Gedenken eines großen Mannes geweiht sind. Besonders häufig finden sie sich in abgelegenen Käffern in der tiefsten Provinz. Kleine verstaubte, verlassene Museen, von fanatischen alten Damen betrieben, deren Lebenszweck in der Erinnerung an ihren dahingegangenen Meister besteht. Hier schlief er, hier aß er, hier wusch er sich, erklären sie mit schriller und vor Anbetung bebender Stimme. Sie schleppen den einsamen Besucher eine sehr steile Treppe hinauf, in ein karges Schlafzimmer, das nach Muff und Bohnerwachs riecht. Hier haben sie mühevoll einige dürftige und spießige Überbleibsel vom Wandeln des großen Mannes auf dieser Erde zusammengekratzt. Eine Kommode, ein Paar Pantoffeln, ein blau geblümter Bettüberzug, ein Nachttopf, eine kleine Brille mit runden Gläsern.

Häufig frage ich mich, welch eigenartiger Fetischismus die Menschen dazu bringt, Thomas Manns eher mäßiges Lübecker Schulzeugnis in einer Vitrine auszustellen, Nelson Mandelas Aluminiumnapf in seiner Gefängniszelle auf Robben Island oder Honoré de Balzacs Kaffeekanne aus Limoges-Porzellan im Chateau de Saché in der Touraine. Dieser Kaffeejunkie arbeitete nachts und hätte ohne sie keine Zeile schreiben können. Das Medaillon mit einer Locke von Keats in Hampstead. Oder das Arbeitszimmer, das Klavier, die Bibliothek Goethes in Weimar.

„Wenn man das Sofa, die Küche oder das Bett sieht, in dem sie ihre letzten Stunden zugebracht haben, kommt man ins Träumen, nicht wahr?“, fragen die Wärterinnen. Der Gipfel des Kitsches: Die besonders eifrigen Konservatoren haben eine ausgestopfte Puppe mit einer Schlafmütze und einer Gänsefeder in der Hand an den Sekretär gesetzt. Möchte man wirklich in diese Privatsphäre hineingezogen werden? Möchte man an den Darmbewegungen von Schiller und dem Schnarchen von Voltaire teilhaben? Den Teller von Monet und die Pfeife von van Gogh bewundern? Muss man wirklich vor diesen dürren Alltagsgegenständen einen Kniefall machen, zu einem vor Liebe blinden Groupie mutieren? Vor der Eingangstür hält die unvermeidliche Gipsbüste des großen Mannes Wache.

Wie viele Nobelpreisträger, Resistancehelden, Generäle und Präsidenten, berühmte Schriftsteller und Maler werden post mortem auf einige intime Objekte, auf einigen albernen Nippes in einer Vitrine reduziert? Wie viele sehen sich in einem Taschentuch, einem Trinkbecher, einer Schreibmaschine, einer Staffelei verewigt? „Die menschliche Komödie“ wird auf Balzacs mit Mottenkugeln gespickten Schlafrock aus Kaschmirwolle zusammengeschrumpft? Ich habe gut spotten: Hätte Balzac mir die Hand geschüttelt, hätte ich sie wahrscheinlich auch nie mehr unter einen Wasserhahn gehalten.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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