Mon Berlin : Die scheinbar harmlosen Jahre sind die besten

Das Jahr 2010 ist fast vorbei. Man hätte vieles besser machen können. Doch wozu ausgetretene Wege noch einmal begehen?

Pascale Hugues

Klick. Eben habe ich mein Macbook hochgefahren. Wie immer erscheint rechts oben auf dem Monitor ein kleines violettes Rechteck, der Tageskalender. 1. Januar 2010. Heute frei. Kein Ereignis. Keine Aufgabe zu erledigen. Eine Meldung in der Mitte warnt mich: Fehler. Das Datum wurde unerwartet auf den Beginn des gerade ablaufenden Jahres zurückgesetzt. Als wenn nichts geschehen wäre. Das Jahr 2010, jungfräulich und weiß wie der Schnee in diesem so schönen Berliner Winter.

Ich bin also verdammt, auf dem Jahr 2010 sitzen zu bleiben. Noch einmal alles von vorn. Eine strenge Stimme flüstert mir zu: Man hätte es besser machen können! Man müsste sich Mühe geben! Und so wird mein Jahr zensiert, benotet, beurteilt. Ich fühle mich wie vor einem schlechten Schulzeugnis.

Und wenn mein Rechner nun völlig den Kopf verlieren würde. Wenn er sich in eine Zeitmaschine verwandelte. Wenn er „play it all again“ spielte. Vergangene Jahre, vergangene Jahrhunderte. Wenn das kleine violette Rechteck plötzlich 1. Januar 1920 anzeigen und mich zwingen würde, ein Jahr lang durch die Berliner Straßen vor dem Krieg zu flanieren. Ein fulminanter Flashback. Den Alexanderplatz unversehrt entdecken, mit seinem Labyrinth aus Gassen, seinen Geschäften, seinen hohen Gebäuden. Völlig anders als die Betonplatte von heute, windgepeitscht und seelenlos.

Oder wenn es mich in den 1. Januar 1945 befördern würde und ich bald über Trümmerberge klettern müsste, um mir im verwüsteten Berlin der Stunde null einen Weg zu bahnen. Wenn es mich in einem historischen Jahr absetzen würde, zum Beispiel am 1. Januar 1961: Stein um Stein ziehen die Soldaten der Volksarmee in diesem Jahr die Mauer hoch. 1. Januar 1989: noch einmal die außerordentliche Nacht des 9. November erleben. Und warum nicht auch eines der Jahre, in denen auf den ersten Blick nichts passiert ist: 1. Januar 1971 oder 1. Januar 1980.

Mir sind diese scheinbar harmlosen, fast banalen Jahre am liebsten. Sie sind nicht eingebildet, von Stolz gebläht, von ihrer historischen Bedeutung überzeugt. Mit ihrem einfachen und bescheidenen Auftreten nimmt man sie eigentlich kaum wahr. Aber lassen Sie sich ruhig vom Faden ihrer Tage leiten und Sie werden eine Ansammlung von kleineren Ereignissen feststellen, die das wahre Leben erzählen.

Ich hasse es, wenn die moderne Technik mich im Stich lässt. Damit ich mich nicht völlig ohnmächtig fühlen muss, bin ich meinem guten alten Filofax mit seinem grünen Ledereinband treu geblieben. Eine Reliquie, die um mich herum breites Grinsen hervorruft: „Willst du nicht lieber ein iPhone, das in deiner Tasche vibriert, wenn du einen Termin beim Zahnarzt hast, oder das dreimal gongt, wenn du zu einem Interview aufbrechen musst?“ Nein, nein. Auf die Gefahr hin, dass man glaubt, ich sei im Zeitalter des Papyrus stecken geblieben: Dieses altmodische Notizbuch ist mein analoger Rettungsring, an den ich mich klammere wie ein Schiffbrüchiger im Toben des digitalen Ozeans. Er hat keine Allüren, mein Filofax, ich erkenne ihn wieder: seine Eselsohren, seine zerknitterten, vollgekritzelten Seiten. Seine rot unterstrichenen Verabredungen. Oben links die Treffen, die ich auf gar keinen Fall vergessen darf. Die neuen Begegnungen, die belanglosen Verpflichtungen, die aneinandergereihten kleinen Zwänge. Die Tage bilden ein dichtes Geflecht, das für einen Dritten nicht entzifferbar ist.

2010 war ein gutes Jahr. Und trotzdem glaube ich, dass ich lieber das kommende Jahr durchleben möchte. Wozu soll man ausgetretene Wege noch einmal begehen? Ein kleines Manöver, und schon ist die richtige Chronologie wiederhergestellt. Das violette Rechteck meldet zwei Tage im Voraus: 1. Januar 2011. Heute frei. Kein Ereignis. Keine Aufgabe zu erledigen. 365 Tage auszufüllen. Tausend Ideen schießen mir durch den Kopf. Welches Glück! Bonne année!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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