Mon BERLIN : Die Stadt bei Nacht

Die Finsternis in Berlin ist so gierig, dass sie nie genug bekommt. Wir leben in der ewigen Dämmerung.

Pascale Hugues

Nur ungern beuge ich mich um sieben Uhr 15 aus dem Fenster. Meine Straße erinnert an die Kulissen von Fritz Lang. Auf dem Bürgersteig erkennt man einsame schwarze Silhouetten, die sich schweigend die Mauern entlangschieben. Durch die dunklen Straßen schlängeln sich Dutzende von Peter Lorres, mit gesenkten Köpfen streifen sie an den Fassaden vorbei, versinken gedämpften Schrittes im weit aufgerissenen Schlund der U-Bahn. Auf den Hauswänden zeichnen sich die spinnenbeinigen Schatten der Laternenmasten ab.

Wie kann man Minderjährige in dieses Universum der Serienkiller schicken? Und doch sind die ersten Kinder schon unterwegs: Sie haben den weitesten Weg und beugen sich unter der Last ihrer mächtigen Schulranzen. Mitten in der Nacht wurden sie aus dem Schlaf gerissen. Berlin ist noch nicht wach. In unserer Hemisphäre ist die Sonne bisher nicht aufgegangen. Kein einziger Lichtstrahl erleuchtet diesen düsteren frühen Morgen.

Ich finde, der Senat sollte den Berliner Schulen im Winter ein „Dämmerungsfrei“ zugestehen. So wie das „Hitzefrei“ im Sommer. Kein Unterricht vor Tagesbeginn! Eine ausgezeichnete Idee, denn wenn die Kinder bei Nacht aus dem Haus müssen, bekommt es ihrem Stoffwechsel und ihrer Psyche schlecht. Das Problem dabei: Bei einer solchen Regelung würden die kleinen Berliner ihr Bett im Winter monatelang nicht verlassen. Die unverhofften Ferien würden von Mitte November bis Mitte Februar dauern! Tagelang unter den Decken vergraben Comics verschlingen, den iPod in den Ohren und ein wackeliges Schälchen Schoko-Cornflakes auf dem Kopfkissen … O Glückseligkeit!

In dieser Woche habe ich mehrmals vergeblich auf den Tagesanbruch gewartet. Es stimmt schon, dass die Nacht um neun Uhr zu verblassen beginnt und etwas, das entfernt an Tageslicht erinnert, den Himmel aufreißt. Ein zarter Rosé-Puder, der nichts Gutes verheißt, wenn man dem alten englischen Sprichwort glauben darf: „Red sky in the morning is a shepherd’s warning!“ Und tatsächlich ist das Licht so schwach, so verkümmert, dass meine Straße schon bald wieder ins Halbdunkel fällt.

Um 13 Uhr, endlich!, setzt sich der Tag durch. Er ist ein wenig blass, ein wenig grau, aber immerhin. Und dann ruft mein alter Freund Olivier an. Schon sein Vorname klingt wie Aperitif im Süden. Seine Stimme ist voll Sonne. „Salut! Wir wollten dir nur schnell Guten Tag sagen! Wir haben hier einfach traumhaftes Wetter! Wir essen in Hemdsärmeln vor dem Haus und denken an dich!“ Am anderen Ende der Leitung hört man in einem Garten in Aix-en-Provence Gabeln auf Tellern klappern, man hört fröhliches Gelächter und das Keckern einer Elster. Es ist mittags. Wir Berliner haben uns in mehrere Pullover eingemummelt und essen direkt vor der Heizung. Der Himmel ist feuchtgrau, das Thermometer am Küchenfenster zeigt fünf Grad an. Böen knallen gegen die Fenster. Graue Pfützen verschmutzen den Fußweg. Im Radio wird Schneeregen vorhergesagt.

Seit die Erderwärmung die Jahreszeiten durcheinanderbringt, können wir unsere Ehre nicht einmal mehr damit retten, dass wir diesen südländischen Angebern erzählen, bei uns, im schönen Norden, schneie es in großen Flocken, Berlin erinnere mit seiner melancholischen Stimmung an ein Gemälde von Breughel und wir seien gerade im Aufbruch: Schlittschuh laufen auf zugefrorenen Seen. Wir können nicht erzählen, dass wir heute Nachmittag im verschneiten Wald Glühwein trinken wollen und dass wir vergnügt und mit roten Wangen nach Hause kommen werden.

Um zwei Uhr nachmittags ist der Tag zu Ende. Er hat nur ein paar Stunden gedauert. Und schon macht sich die Dunkelheit daran, die Stadt von Neuem zu verschlingen. Auf den Philippinen nennt man diesen sehr schönen Moment, wenn der Tag in die Nacht kippt, den „Biss der Finsternis“. Leider ist die Finsternis in Berlin so gierig, dass sie nie genug bekommt. In dieser Woche hat sie sich von unserer Stadt einen gargantuesken Happen geschnappt.

In Europa gilt Berlin als die Stadt mit den verrücktesten, den heißesten Nächten. Die jungen Leute landen alle am Freitagabend, machen Party und reisen am Sonntagnachmittag wieder ab, um am Montag frisch und munter im Büro zu sitzen. Niemals ist Berlin seinem Ruf als Stadt der Nachtschwärmer so sehr gerecht geworden wie in diesem Dezember.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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