Mon BERLIN : Die Zeit, sie geht vorbei

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Oh, Moustaki ist gestorben …

In London habe ich vorige Woche von Georges Moustakis Tod erfahren, über die Schulter meines Sitznachbarn in der Underground. Eine Meldung in einer englischen Zeitung öffnete die Schleusen zu einer mächtigen Woge von Erinnerungen. Die Freiheit, die Einsamkeit, die Gerechtigkeit, die Liebe, das Mittelmeer … Plötzlich drängt sich der ganze Kosmos einer heranwachsenden Französin in den Stress eines Waggons zur Rushhour. All die Chansons, die unsere Köpfe und unsere Nachmittage nach der Schule bevölkerten. Ja, Georges Moustaki war der Gefährte meiner Jugend, ein Wegbereiter. Wir schworen uns, „wirklich zu leben, frei zu sein, nichts zu bereuen, uns nicht anzupassen“. Wir wollten „unser Leben träumen“, wir wollten glauben, dass „alles möglich ist, alles erlaubt“. Nicht nur Moustaki entflammte uns. Der Kommunist Jean Ferrat, der Anarchist Leo Ferré.

Diese Tradition des von starken Texten und Ideen getragenen französischen Chansons gibt es in Deutschland nicht. Während die Deutschen meiner Generation sich zu Sit-ins in Gorleben versammelten und englischen Hard Rock hörten, bevorzugten wir die sanfte Revolution, mit Worten und Musik. Auch wir kämpften für Ideen. Und wir schworen, notfalls dafür zu sterben.

Moustaki? Kitsch! Naiv! Ein idealistischer Softie! Ein Träumer für Mimosen! Hör mir bloß von dem auf! Er hat uns mit Illusionen über das Leben vollgestopft! Kein Wunder, dass wir enttäuscht worden sind. Das sagte ich mir in den letzten Jahren mit einem Achselzucken. Ja, es wäre mir sogar etwas peinlich gewesen, hätte ich für meine einstige Leidenschaft eintreten müssen. Den Erwachsenen ist es gegeben, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Und sogar ein wenig zynisch zu werden. Ich gebe zu – manchmal habe ich Georges Moustaki und mit ihm meine Jugend glatt verleugnet.

Wie feige ich war! Als ich wieder zurück in Berlin war, habe ich mir seine Chansons noch einmal angehört, zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren. Und doch erinnerte ich mich an jedes Wort, an jeden Gitarrenakkord, an jede Welle von Begeisterung. Diese warme, ruhige und ein wenig verschleierte Stimme, die mir so vertraut war. Ich wage es kaum zu sagen – aber ich hatte Tränen in den Augen.

Wenn man im Ausland lebt, verschwindet mit einem Sänger auch ein kleines Stück von einem selbst, und einmal mehr wird einer der Fäden, die noch zum Land der eigenen Vergangenheit gespannt sind, brutal abgeschnitten. Der Tod von Claude Nougaro ließ mich verwaist zurück. Der von Charles Trenet stürzte mich in tiefe Trauer. Nach Jean Ferrats Tod hörte ich seine Musik fast eine ganze Nacht, und eine lange Fahrt auf einer deutschen Autobahn verbrachte ich mit Barbara. Ich fürchte mich schon jetzt vor dem Tod von Juliette Greco und Charles Aznavour. Diese zugleich populären und engagierten Sänger gehören ebenso zum Erbe der französischen Identität wie Camembert, Chanel und die Loire-Schlösser. Mehrere Generationen von Franzosen aller sozialen Klassen haben Moustaki gesummt und gesungen.

Erst Mitte der 80er Jahre wurde dieser in Alexandria geborene griechische Jude in Frankreich eingebürgert. Und in dem in den letzten Tagen so homophob, so hässlich und intolerant auftretenden Frankreich ist es eine schöne Rache, dass ausgerechnet eine „gueule de Métèque“, eine Kanakenfresse, die Republik verkörpert. Die Kulturministerin war unter den Trauergästen, als Moustaki am vorigen Montag auf dem Friedhof Père Lachaise ganz nahe bei Edith Piaf, seiner Freundin und Geliebten, beigesetzt wurde.

Georges Moustaki war 79. Und als wir uns damals jeden Nachmittag trafen, war ich 16.

Die Zeiger haben sich gedreht

Es ist zu spät

Meine Kindheit ist so weit

Es ist schon morgen

Die Zeit, sie geht vorbei

Es gibt sie nicht mehr lange …

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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