Mon BERLIN : Drei Schneeflocken in Berlin – Alarm!

Das Tief "Daisy" bewirkt Wunder: Es entschleunigt das Leben.

Pascale Hugues

Mit einem Unbekannten im Lift fahren … Dieser kurze Augenblick der ungewünschten Intimität kann zur Qual werden. Vor allem für die Schüchternen und die Gehemmten. Der Raum ist winzig. Man befindet sich nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, fast an den Körper des anderen geschweißt, schaut krampfhaft auf den Boden. Nur einen Weg gibt es, die Befangenheit aufzulösen: indem man ein zwangloses kleines Gespräch anfängt. Natürlich verbietet sich Politik als Thema ebenso wie persönliche Fragen, die die Distanz noch weiter verkleinern und die Absurdität der erzwungenen Begegnung noch verschärfen würden. Um diese Minuten der vertikalen Reise ohne Risiko zu füllen, gibt es eigentlich nur ein Thema: das Wetter.

„Ziemlich kühl heute …“, legen Sie selbstbewusst mit neutralem Gesichtsausdruck los.

„Ja, aber wenigstens ist es wieder wärmer als vorige Woche“, wird Ihr Co-Passagier sofort antworten, glücklich über den Ausweg, den Sie ihm so unverhofft eröffnet haben.

Noch drei Sätze und wrumm, schon öffnen sich die Türen. Erleichterter Seufzer. Dritte Etage. Befreiung. Zum Glück, denn schon kam die Unterhaltung ins Stocken. Normalerweise würden das öde Grau und die wenigen Sonnenstrahlen im Monat Januar niemals auch nur bis zum 6. Stock ausreichen. Für ein wirklich rettendes Gespräch benötigt man mindestens Gluthitze, Dürre, einen Orkan … oder 20 Zentimeter Pulverschnee, so weiß und weich wie ein Baiser.

In diesen Tagen ist die Furcht vor verkrampfter Stille ganz unbegründet! Der Schnee, der Berlin verwandelt hat, bildet einen ebenso dichten wie unerschöpflichen Stoff. Man könnte das Fahrstuhl-Tête-à-tête bis in die 160. Etage des neuen Hochhauses in Dubai verlängern, ja sogar bis zum Mond! Niemals würden die Themen ausgehen, die Erstaunen, Begeisterung, Ächzen oder Unruhe auslösen. Man muss nur beobachten, wie die Berliner sich seit Anfang dieses so kalten Jahres verhalten. Sie sprechen sich auf der Straße an, verwickeln sich in erhitzte Diskussionen, ob in der Warteschlange beim Fleischer, im Bus oder im Treppenhaus. Die Unterhaltung wirbelt, sie rennt, sie tanzt hin und her, munter, unerschöpflich. Tief „Daisy“ (wobei „Daisy“ eher nach einem amerikanischen Vorort-Housewife klingt als nach einem drohenden Sturm) bewirkt Wunder. Ist vielleicht eine Naturkatastrophe über dieses unglückliche Land hereingebrochen? Drei Schneeflocken in Berlin – Alarm! Fast könnte man dabei die hinreißende Schönheit dieses Jahresbeginns übersehen. Das entschleunigte Leben. Die Stille in den weißen Straßen.

„Daisy“, sagt eine professorale Stimme im Radio, „sorgt für einen winterlich geprägten Witterungsabschnitt.“ Mir gefällt die Berliner Version besser: Es ist arschkalt! Sie ist plastischer und vor allem realistischer. Denn um ihre kostbaren Hinterteile vor diesem Witterungsabschnitt zu schützen, schlüpfen die Berliner hemmungslos in groteske Kleidung. Man glaubt sich auf einem verfrühten Karneval. Ich habe Wilmersdorfer Witwen gesehen, die eine gefütterte rosa Jogginghose über die normale Hose gezogen hatten. Und Büroangestellte, die einen Harlekinsanorak über dem Anzug trugen. Aber am schlimmsten sind die Schuhe … Man fragt sich, ob ganz Berlin die Rumpelkammern durchwühlt hat, um die Galoschen früherer Zeitalter auszugraben. Sie sind alt, vergammelt, lächerlich … egal!

Seit Mittwoch bietet sich unter meinem Fenster ein kostenloses Schauspiel: Ein schöner Mann in sehr trendigem Outfit lag mehrere Stunden in einem Schneebett neben seinem Citroën, einem seltenen Oldtimer. Ich habe zugesehen, wie er alle anatomisch möglichen Stellungen einnahm: zusammengekrümmt, auf den Knien, auf allen Vieren, so bemühte er sich, den rund um die Reifen verklumpten Schnee mit bloßen Händen zu entfernen. Er breitete sogar eine Wolldecke aus und legte sich verliebt neben seine Schöne in den jungfräulichen Pulverschnee. Nichts zu machen. Der Citroën rührte sich nicht. Ich dachte schon, der verzweifelte Beau wolle auf den Tod warten. Wie romantisch.

Aber nachdem er lange vergeblich gekämpft hatte, um seinen kapriziösen Citroën wiederzubeleben, kam der Verliebte doch noch zur Besinnung. Er griff zum Handy, um Hilfe zu holen. Die ist bis jetzt nicht gekommen. Und heute ist Samstag. Seither kommentieren wir in der Nachbarschaft unablässig das kleine sentimentale Drama, das sich unter unseren Fenstern abspielt. Übrigens könnte man uns alle zusammen ohne Weiteres in einen Fahrstuhl sperren. Etwas Besseres könnte uns gar nicht passieren.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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