Mon BERLIN : Eheliches Unglück im Grünen

Pascale Hugues[Le Point]

Vergangenen Sonntag auf der sonnenbeschienenen Terrasse eines Restaurants in Potsdam. Nach diesen langen Regentagen eine weiche, etwas feuchte Wärme. Ein Nachgeschmack des Sommers. Umso kostbarer, als jeder weiß, dass Grau und Kälte schon bald wieder ihre monatelange Herrschaft über uns antreten werden. Letzte Chance für einen Ausflug ins Grüne. Janz Berlin ist unterwegs. Auf der Avus eine Prozession von Autos. Kein freies Rasenfleckchen unter dem Belvedere.

Ein Paar setzt sich an den Nachbartisch. Sie geht mit leichten Schritten und zieht einen Hauch von Zitronenparfüm hinter sich her. Sie ist nicht mehr ganz jung, bewegt sich aber leicht wie ein Schmetterling. Er folgt ihr und zieht die Füße nach, schwerfällig wie ein Ochse, der seine Furchen pflügt. Sie trägt ein helles Kostüm, eine Spitzenbluse, Schuhe mit halbhohen Absätzen und auf dem Kopf eine ausgeklügelte Konstruktion von blonden Locken. Sie scheint direkt einem Modekatalog der 50er Jahre entstiegen. Adrett, rührend altmodisch. Sie hat sich hübsch gemacht. Aber er hat das gar nicht wahrgenommen. Er trägt eine formlose Jacke in einem undefinierbaren Beige oder Grau, vermutlich irgendwas dazwischen. Eine triste und auf jeden Fall neutrale Farbe.

Sie nehmen Platz. Die Sonne teilt die Tischdecke zwischen ihnen. Sie wählt die Sonnenseite. Er lässt sich auf einen Stuhl im Schatten fallen. Mir schwant nichts Gutes. Ich rechne nicht damit, dass am Nachbartisch eheliches Glück demonstriert wird.

Sie spricht mit ihrem Mann und sieht ihm dabei in die Augen. Sie flirtet ein wenig. Sie kokettiert, sie lächelt. Er schweigt und starrt an ihr vorbei. Man könnte meinen, dass er sie nicht sieht. Sie plaudert, sie amüsiert sich, sie bemüht sich vergeblich, ein Gespräch in Gang zu bringen. Er sitzt da wie aus Marmor gehauen, stößt von Zeit zu Zeit einen Laut aus, man weiß nicht recht, ob es sich um Magenknurren handelt oder um einen nervösen Tic, der ihm in seiner regelmäßigen Wiederholung als Metronom für den Monolog seiner Frau dient.

Die Kellnerin kommt, willkommene Unterbrechung der ehelichen Qual, die sich neben mir abspielt. Sie bestellt ein Kürbissüppchen mit einem Hauch Crème fraîche und einem Zweig Rosmarin. Er braucht jetzt ein Eisbein auf Sauerkraut mit Bratkartoffeln und ein Bier. Ein Eisbein um vier Uhr nachmittags! Was für ein Ungleichgewicht bei den kulinarischen Vorlieben. Dieses Paar ist wirklich nicht füreinander bestimmt.

Die Frau strampelt sich weiter ab, um ein gemeinsames Thema zu finden. Das herrliche Wetter? Sein Grunzen hört sich fast wie Zustimmung an. Die Kinder? Er winkt gelangweilt ab. Das Unglück der Nachbarin? Die Krankenkassenreform? Nichts kann ihn aus seinem Schweigen reißen. An diesem strahlenden Sonntag erfasst mich plötzlich die Sehnsucht nach Schönrednern, Quasselstrippen, Maulhelden, nach denen, die einen nicht zu Wort kommen lassen. Nach Don Juans, die einen mit den Augen verschlingen. Oder einfach nach höflichen und aufmerksamen Männern.

Die Kellnerin stellt einen gigantischen Brocken Fleisch auf einem Bett aus fettigen Kartoffeln vor den schweigsamen Ehemann. Und jetzt leuchten seine Augen. Er greift zu Messer und Gabel und geht zum Angriff über. Nahkampf mit dem Schwein auf dem Teller. Der Mann zerreißt die Fleischfetzen mit den Zähnen, schabt die Knochen des Tieres mit dem Messer ab. Ein gnadenloses Massaker. Madame führt den Löffel mit Süppchen an den Rand ihrer tulpenroten Lippen. Behutsam. Geräuschlos. Die Konversation ist unwiderruflich in eine Sackgasse geraten. Kein Wort mehr. Nur manchmal Schluckgeräusche oder Räuspern. Madame in ihren hübschen Sonntagskleidern hat kapituliert.

Mir kommen die klugen Verse des englischen Dichters Robert Graves in den Sinn, der fragte: „Why have such scores of lovely gifted girls married impossible men?” („Warum haben so viele liebenswert talentierte Mädchen so unmögliche Männer geheiratet?“)

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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