Mon BERLIN : Ein deutsches Ritual: die Lesung

Pascale Hugues, Le Point

Man möchte sich verstecken, die Türen verrammeln und die Fenster abdichten, um dem Orkan der Bücher zu entkommen, der jeden Herbst über uns hereinbricht, immer etwas heftiger, immer etwas weniger kontrollierbar, immer beängstigender. Hilfe! Da, die Literaturbeilagen der Zeitungen! Papierbündel so dick wie ein Wörterbuch für Altgriechisch. Man müsste sie lesen. Keine Zeit. Keine Energie.

Bis der Tag kommt, an dem ihr Verfallsdatum abgelaufen ist und man sie mit schlechtem Gewissen in den Papierkorb wirft. Nichts wie weg! Und dann die Verlagskataloge, die den Briefkasten verstopfen. Jedes Jahr aufreizender und üppiger. Wir müssen uns wehren! Sturzbäche von Büchern ergießen sich in die riesigen Hallen von Frankfurt. Wo soll man anfangen? Was wählen? Wen bevorzugen?

Meine Berliner Buchhandlung beschützt uns vor diesen literarischen Unwettern. Hier beruhigen sich die Stürme, der Wind legt sich, der Himmel klart auf. Die Welt wird klein, warm, vertraut. Eines Abends findet man sich hier dicht an dicht gedrängt. Überall Menschen. Auf Klappstühlen, wie Hühner auf den Stufen der Trittleitern, im Schneidersitz auf dem Teppichboden, an Regale gelehnt. Sogar draußen vor den Schaufenstern sieht man eine Reihe enttäuschter Augenpaare. Es gibt keinen Platz mehr. Sie müssen draußen bleiben. Die Leute vom Kiez sind da, die Stammkunden, die treuen Fans der Schriftstellerin, und einige Neugierige, die zufällig vorbeigekommen sind. Die Buchhandlung achtet darauf, dass die alten Kunden einen Sitzplatz finden. Jeder passt auf, dass sein Rotweinglas nicht auf den hellgrauen Teppich purzelt.

„Wenn es Ihnen herunterfällt, schütten Sie schnell ein Glas Weißwein drauf, dann ist der Teppich gerettet!“, murmelt fürsorglich eine Stimme neben mir. Die Autorin tritt auf, in Schwarz und ganz allein. Sie bahnt sich einen Weg zwischen Beinen und Schultern, sie navigiert zwischen den Extremitäten ihrer Leser. Beifall. Es riecht nach Buch, nach Herbst und dem Parfüm meiner Nachbarin. Die Autorin setzt ihre Brille auf und beginnt mit diesem sehr deutschen Ritual, das man in Frankreich nicht kennt: der öffentlichen Lesung. Ein Schriftsteller und sein Buch, ganz allein im Angesicht ihrer Leser.

Warum haben die 70 Anwesenden dieser bescheidenen Abendunterhaltung den Vorzug gegeben, vor all den anderen um vieles glänzenderen kulturellen Veranstaltungen, die die Berliner Nacht bietet? Warum nicht ein Film, ein Konzert, eine Party oder, noch besser, ein gutes Restaurant? Auf den ersten Blick wirkt so eine Lesung recht trocken. Man muss sich anstrengen. Man muss sich sehr konzentrieren. Eine Stunde lang sitzt man auf einem unbequemen Platz hinter einer Mauer von Köpfen, die einem die Sicht versperren. Eine Stunde lang hört man eine einzige Stimme. Ein ahnungsloser Passant, der in diesem Moment an der Buchhandlung vorbeikäme, könnte das Ganze für eine kollektive Hypnosesitzung halten. Kein Laut ist zu hören. Manchmal eine Lachsalve oder ein Hustenanfall. Ein Schluck Rotwein. Die Blicke schweifen über die auf großen Tischen zu Türmen gestapelten Bücher, die noch jungfräulich in ihren Plastikfolien sind. An der Decke verbreiten die Lampen ein sanftes Licht. Zwei Herren schließen gleich bei der ersten Zeile die Augen. Schlafen sie an der Heizung, oder möchten sie die Worte intensiver genießen? Als ich das engelsgleiche Lächeln meiner Nachbarin betrachte, ihren zur Seite geneigten Kopf, ihren leicht geöffneten Mund, frage ich mich, ob die Lesung nicht eine Kindheitserinnerung ist. Ein Genuss, der sehr weit zurückgeht. Wenn man auf den Knien eines Erwachsenen kauerte und in seinen warmen Armen ganz geborgen war, hörte man tief in seiner Brust seine Stimme trommeln. Vor uns taten sich der Mississippi und die Elendsviertel von London auf. Jetzt sind wir der Kindheit entwachsen, niemand liest uns mehr Geschichten vor.

Und da 70 Menschen nicht darauf warten wollen, dass Greisenalter, schwere Krankheit oder Erblindung ihnen erneut zu diesem Privileg verhelfen, gehen sie heute mit kaputtem Rücken, doch verjüngt nach Hause.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke.

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