Meinung : MON BERLIN Ein kleines Stückchen Stoff

Pascale Hugues

Zücken sie ihre Wörterbücher: Es gilt, den Unterschied zwischen „sichtbar“, „auffällig“ und „demonstrativ“ herauszufinden. Mit dieser semantischen tour de force werden sich demnächst bedauernswerte französische Schuldirektoren herumschlagen müssen, wenn einer ihrer Schüler das Klassenzimmer mit jüdischer Kippa, muslimischem Kopftuch oder christlichem Kreuz betritt. Die französische „Kommission für Laizismus“ empfiehlt jetzt die Verabschiedung eines Gesetzes, das ein für alle Mal die Debatte über das Kopftuch beilegen soll. Zur Verhandlung steht der sakrosankte Sockel des Laizismus, eine fast hundert Jahre alte Errungenschaft der progressiven Republik, die 1905 entschied, Kirche und Staat zu trennen.

„Demonstrativ“ bedeutet in diesem Kontext das Zeigen von Symbolen „mit dem Verlangen, gesehen zu werden“ – und das riecht für die Kommissionsmitglieder nach übermäßigem Missionseifer. Darum sollen alle demonstrativ religiösen oder politischen Zeichen – Kopftücher, Kippas oder Kruzifixe – aus den Schulen verbannt werden. Dagegen sollen Davidssterne, Fatimah-Hände im Kleinformat und Mini-Kreuze um den Hals toleriert werden. Wo hört nun aber das „Sichtbare“ auf, und wo beginnt das „Demonstrative“? Ist ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fuck Bush“ ein demonstratives Symbol? Wie steht es um Palästinensertücher und US-Navy-Abzeichen? Wie viele Zentimeter darf ein Medaillon der Heiligen Jungfrau messen?

Lauter Fragen, die auch in der deutschen Debatte auftauchen. In beiden Ländern haben ein paar Zentimeter viereckigen Stoffs politische Parteien und die Gesellschaft gespalten. Zur Debatte steht die Integration von Minderheiten. Im Rhythmus der Immigrationswellen haben sich die deutsche und die französische Gesellschaft diversifiziert, hin zu „Multikulti“, dem konformistischen Zauberwort, das in Deutschland so sehr in Mode ist. Die Dominanz des Einheitlichen, des Christentums, ist einem spirituellen Pluralismus gewichen, der sich nicht länger ignorieren lässt. Frankreich beheimatet die größte jüdische Gemeinde Westeuropas und die größte muslimische Gemeinde in der EU. Auch die Orthodoxie ist stark vertreten, nicht zu vergessen die steigende Anzahl von Atheisten, Agnostikern und Freidenkern. In Deutschland liegen die Dinge ähnlich.

In Bayern würde man diese Entwicklung gerne übersehen. Zu Füßen der Alpen regiert nach wie vor der einsame Gott der Katholiken. München war schnell mit einem Gesetzentwurf bei der Hand: Nein zum Kopftuch, Ja zum Kruzifix, Ja zu Nonnen in Ordenskleidung im Klassenzimmer. Die Kippa wird toleriert, eine großzügige Ausnahme als symbolischer Bußakt für die Vergangenheit. Ein kleines, maßgeschneidertes Gesetz, ebenso diskriminierend wie anachronistisch. Zur Zeit der Kolonien ließ man an der Elfenbeinküste und im Senegal kleine Afrikanerkinder den Katechismus daherstammeln und die Linie der französischen Könige in chronologischer Reihenfolge herunterbeten. Warum also nicht heute in den Schulen von Rosenheim kleine türkische Mädchen mit entblößtem Kopf vor der Heiligen Maria auf die Knie zwingen, um ihnen die Grundgesetzartikel über die Religionsfreiheit einzutrichtern?

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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