Mon BERLIN : Eine Bahnfahrt, die ist lustig

Der Weg vom Check-in am Flughafenschalter zum eigentlichen Flieger wird immer mehr zu einer Tortur. Die Sicherheit geht natürlich vor. Das Bahnfahren ist da viel angenehmer und bequemer oder?

Pascale Hugues[Le Point]

Jacke, Schal, Uhr ablegen. Gürtel und sogar die Schuhe aus ziehen … nackt wie ein Wurm findet man sich vor etwa 50 Zuschauern auf einem Fetzenteppich wieder. Nein, das ist kein Striptease in der frivolen Intimität eines Berliner Nightclubs, sondern der sehr reale Albtraum der Sicherheitskontrollen unter den Neonröhren des Flughafens Schönefeld. Diese öffentliche Entkleidung ist nur eine von vielen Unannehmlichkeiten bei einer Flugreise. Hinzu kommt die Passkontrolle, der triste Wartesaal, in dem man sofort Depressionen bekommt, die Verspätungen, die überheizte Kabine, der dicke Herr neben einem, der nach den gebratenen Zwiebeln vom Mittagessen riecht und einen wie eine lästige Mücke am Fensterglas zerquetscht.

Deshalb habe ich eine weise Entscheidung getroffen: Schluss mit dem Flugzeug, das nächste Mal fahre ich mit dem Zug!

Der Zug, so glaubte ich, muss das Paradies sein: Man setzt sich, völlig bekleidet und nahe bei seinem Koffer, auf seinen Platz, streckt die Beine aus, schließt die Augen und schläft bis zur Ankunft. Freiburg–Berlin bedeutet sechseinhalb Stunden erholsamen Schlaf. Vielleicht öffnet man zwischendurch ein Auge, um die Straßen zu betrachten, die Bäume, die Dörfer, die an den Fenstern vorbeieilen. Träumen, ein paar Seiten in einem dicken Roman lesen, bevor man sich in den Schlaf sinken lässt, ebenso sanft wie der Nebel, der die Landschaft draußen bedeckt. Mit dem Zug fahren heißt Zeit haben. Und die Zeit ist heute ein kostbares Gut.

Der Zug fährt aus dem Bahnhof Freiburg. Ich habe meinen Roman auf das Tischchen gelegt, die Rückenlehne zurückgestellt, einen Kaffee bestellt, den man mir an den Platz bringen wird. Der Zug begleiter, wie man die Stewardessen der Schiene nennt, schaut betreten drein. „Espresso macchiato? So weit sind wir noch nicht!“ Macht nichts. Ah, welch ein Luxus. Draußen ein Fluss, Herbst, Harmonie. Ich schließe die Augen.

Nanu, hat sich eine Mücke in unser Abteil verirrt? Oder knarrt da eine halbgeschlossene Tür? Plötzlich entdecke ich, dass mein Nachbar zwei Stöpsel in den Ohren hat. Er lauscht einer Musik, von der ich nur die schrillen Töne wahrnehme. Und er ist nicht der Einzige. Mindestens zwölf Passagiere sind mit einem lärmerzeugenden Gerät verkabelt: iPod, Handy, Rechner. Das Problem, wenn man sich derart von dem Rest der Welt abgeschnitten hat: Man produziert Geräusche und Gesten, ohne es zu merken. Mein Nachbar schlürft den Kaffee, der andere trommelt nervös auf der Armlehne herum, der dritte beschäftigt sich mit seiner Nase und schnippt einen Popel in den Gang.

Zwei Reihen vor mir hat ein junges Paar eine Plastiktüte mit geschälten Apfelstücken zwischen sich gestellt. Sie füttert ihren Schatz. Ein Apfelschnitz, ein Kuss, ein Apfelschnitz, ein Kuss … Bei der vierten Fuhre möchte ich schreien. Auf der Flucht vor der Vampirliebe in Wagen 23 ergebe ich mich bis Frankfurt dem Schlaf.

10 Uhr 20. Vorbei mit der Herrlichkeit. Zwei Damen suchen panisch ihre reservierten Plätze. Ich hoffe, ich bete, ich halte die Luft an. Wenn Menschen außer Atem und in höchster Aufregung einsteigen, kann das nichts Gutes verheißen. Nein, kein Glück. Die beiden Damen lassen sich direkt hinter mir nieder. Und die Qual nimmt ihren Lauf. Der Zugbegleiter bringt den Damen die „Bild“ und ein Pils. Die Neue von Günther Oettinger ist abgebildet. „Armer Kerl!“, sagt eine der Damen mit rauer Stimme. Und sie zieht sich die Schuhe aus, schlüpft in orthopädische Sandalen, legt eine Kaschmirdecke auf die Knie, ganz wie zu Hause, und entfaltet die „FAZ“. Sogleich wird mir klar, dass die „FAZ“ nur ein Alibi ist. Kaum sind die Banktürme von Frankfurt am Horizont verschwunden, da entspinnt sich auch schon ein intensiver Monolog. Er wird erst enden, wenn der Zug im Hauptbahnhof zum Stehen kommt. Viereinhalb Stunden über das Thema, wie man sich denn nur in Günther Oettinger verlieben kann, wenn man 25 Jahre jünger ist. Wie kann man sich überhaupt in Günther Oettinger verlieben …, würde ich am liebsten hinzufügen. Auf der Strecke Frankfurt–Berlin wird das Rätsel an diesem Tag nicht gelöst werden.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Von Pascale Hugues ist gerade das Buch „Marthe und Mathilde“ erschienen (Rowohlt), in dem sie das Leben ihrer Großmütter erzählt.

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