Mon BERLIN : Er...Ich...Er...Ich...Er!

Da setzt man sich unbekümmert in ein Café und am Nebentisch geht es sofort los. Eine Suada aus belanglosen Lebensfrustrationen. Eine Kolumne

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Er hat mir gesagt. Ich habe ihm gesagt. Er hat mir geantwortet. Ich habe erwidert. Er…Ich…Er…Ich…bis in die Unendlichkeit.

Ich bin sicher, dass Sie schon einmal gegen ihren Willen Zeuge dieser Geständnisse geworden sind, vom Nebentisch im Café etwa. Da betritt man unbekümmert den Raum, mit einem Bündel Zeitungen unter dem Arm, einem Roman in der Tasche oder einfach mit der Lust auf einen in Ruhe genossenen Cappuccino, ohne mit irgendwem zu sprechen. Man setzt sich erleichtert an einen kleinen Tisch, um den hektischen Tagesrhythmus zu entschleunigen. Man atmet ein. Man breitet sich aus. Man öffnet die Zeitung…ein Genuss hier zu sein!

Ein Tribun auf Wahlkampftour?

Aber was ist das? Man schreckt auf. Hat jemand ein Megaphon ausgepackt, um sich an alle Gäste im Raum zu wenden? Über Ihnen ergießt sich ein Wörtertsunami. Ineinander verkeilte Worte, in einer höllischen Geschwindigkeit rollen sie auf Sie zu. Man spürt jedes Wort aufprallen, jedes Vibrato in der Stimme, jeden Aggressionsschub. Jemand ist wütend und muss es die ganze Welt wissen lassen. Ein Tribun auf Wahlkampftour? Ein New-Age-Kanzelredner? Ein Gewerkschafter im Klassenkampf?

Man sieht sich um: Zwei junge Frauen sitzen sich am Nebentisch gegenüber. Die eine ist still, sitzt aufrecht auf ihrem Stuhl wie eine Marmorstatue. Die andere schießt in Salven: Er…Ich…Er…Ich…Er. Es ist der Chef, der Ehemann, der Vater, der Sohn, der Kollege, der Nachbar…Wer auch immer. Wichtig ist, dass Er eine Pein für Ich ist.

Und Ich muss sich deshalb ihrer besten Freundin anvertrauen – und all den anderen Menschen, die zufällig an diesem Morgen in diesem ruhigen Café zusammengekommen sind. Ihre kraftvolle Stimme unterdrückt die beruhigende Samba-Melodie, die den Raum zuvor erfüllte und den Stress der Gäste ein wenig linderte. Sie wütet gegen Er, den irgendwann alle Anwesenden auch verfluchen.

Nur belanglose, kleine Lebensfrustrationen

Die beste Freundin wirkt wie die Betonwand einer Squashhalle. Worthiebe prallen an ihrer stoischen Stille ab. Sie greift nicht ein. Sie sagt nicht ihre Meinung. Es fragt sie sowieso niemand, was sie von Er hält. Das ist nicht der Grund ihrer Anwesenheit. Sie ist hier, um Schläge einzustecken. Stärker und stärker werdende Schläge. Es ist nicht die Flüchtlingskrise, nicht das Zugunglück in Bayern, nicht die Politik der Kanzlerin oder der einbrechende Börsenkurs. Es ist nicht einmal ein kleines, pikantes Geheimnis, das hier am Tisch ausgebreitet wird. Nein, hier werden nur belanglose, kleine Lebensfrustrationen in einem endlosen Schwall herunterzählt.

Man trifft diese Menschen hin und wieder auf Empfängen oder bei einem Abendessen. Menschen, die nur von sich selbst erzählen, keine einzige Frage stellen. Man sitzt ihnen gegenüber und fragt sich, ob man plötzlich zu Luft geworden ist. Die schlimmsten, finde ich, sind die Pedanten, die röhrend ihre Erfolge aufzählen, die Promis in ihrem Bekanntenkreis, die Bücher, die sie geschrieben haben oder die genialen Ideen, die sie hatten.

Ein menschliches Regal für seine Errungenschaften

Sie nehmen den gesamten Platz ein. Aber vor allem: Man langweilt sich so in ihrer Gesellschaft. Die, die von ihren Unglücken erzählen, sind zumindest ein bisschen unterhaltsamer. Ein magerer Trost. Die Universen dieser Menschen beschränken sich auf vier Wände. Kein Fenster, durch das man die Welt draußen sehen könnte. Kein Interesse dafür, was dort passiert, oder was das Gegenüber denkt.

"Schön, Sie kennengelernt zu haben", rufen sie beim Abschied, mit einem ehrlich enthusiastischen Lächeln. Schön ein so geduldiges, menschliches Regal gefunden zu haben, wo ich meine Errungenschaften ablegen kann.

Im Café zürnt die junge Frau noch immer, jetzt in doppelter Geschwindigkeit. Sie merkt nicht, dass sich alles um sie herum leert. Die Gäste falten ihre Zeitungen, stecken ihre Bücher ein. Vergessen ist der Zen-Moment mitten am Tag. Man fühlt sich leer und benutzt. Die Ohren dröhnen. Im Kopf dreht sich alles um eines: Sich in der Ruhe des Büros wiederfinden, wo die erholsame To-Do-Liste auf dem Computerbildschirm flirrt.

Man fragt sich, wie die beste Freundin diesen Säuresturm ohne Zucken aushält. Man zahlt und wirft der jungen Frau im Herausgehen noch böse Blicke zu. Die aber merkt natürlich nichts und schimpft wie eine Wahnsinnige weiter, auf dem schmalen Grat zwischen Anklagen und Beklagen, aber immer gerichtet auf Er, von dem wir hier nie wieder etwas hören wollen.

Aus dem Französischen übersetzt von Fabian Federl

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