Mon BERLIN : Flipper oder Waldsterben

Deutschland ist ein Land, in dem immer jemand "Lauter!" ruft

Pascale Hugues[Le Point]

„Lauter!“ Eine herrische Stimme am Ende des Raumes rechts zerreißt die Stille. Der Befehl schallt aus dem Halbdunkel, zerschneidet die Luft, lässt den ganzen Saal zusammenzucken. Man dreht sich um, man möchte die Quelle von so viel Wut sehen. Kaum zu glauben, dass diese kräftige, empörte, metallische, fast hasserfüllte Stimme aus dem fuchsienrot geschminkten Mund einer blassen alten Dame dringt, die sich auf ihrem großen Sessel vergraben hat.

Ganz brav sitzt sie da, die Hände auf den Knien gefaltet. Niemals hätte man sie zur Kenntnis genommen, hätte sie nicht plötzlich angefangen zu schreien. „Lauter!“, brüllt sie noch einmal. Die verschreckten Podiumsteilnehmer fügen sich: Sie heben die Stimme, rufen beinahe. Die Dame entspannt sich. Sie nimmt erneut ihr harmloses Aussehen an. Sie kauert sich in ihren Sessel und verschwindet wieder im Halbschatten. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Eine seltsame Szene, die sich bei Diskussionen, Lesungen und anderen öffentlichen Ereignissen in dieser Stadt regelmäßig abspielt. Schon oft habe ich mich gefragt, wie man es wagen kann, völlig Unbekannte so grob zur Ordnung zu rufen. Nicht „Ein bisschen lauter, bitte!“ oder „Könnten Sie bitte ein bisschen lauter sprechen, man versteht Sie hier hinten leider nicht!“ Nein, einfach „Lauter!“, schnörkellos, frei von Höflichkeitsfloskeln, ohne eine Spur von Weichheit in der Stimme. „Lauter!“ ist eine Explosion und steht in keinem Verhältnis zu der kleinen auditiven Einschränkung, die es moniert. Ich frage mich, ob „Lauter!“ nicht die gleiche Funktion hat wie die Schimpfwortsalven und das Duzen, mit dem Autofahrer sich gegenseitig belegen. Im Übrigen durchaus zivilisierte und höfliche Menschen, die sich am Steuer ihres Wagens in wilde Tiere verwandeln. „Lauter!“ ist ein Ventil. In der Dunkelheit des Konferenzsaals, in dem stressigen Chaos der Straßenkreuzung hebt jemand kurz den Deckel vom Kochtopf, um sich von seinem Übermaß an Dampf zu befreien. Und geht seines Weges.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass „Lauter!“ normalerweise von einer eher kleinen Person ausgeht, so schüchtern und farblos, dass man sie kaum wahrnimmt? Eine kleine Person, die am nächsten Morgen ganz sicher vor dem Chef zittern wird. Eine kleine Person, die sich plötzlich befreit, die Lungen aufpumpt und einen Wutausbruch wagt. Liegt es an der Dunkelheit oder an der Anonymität in der Menge, dass eine solche Kühnheit hervorbricht?

Ich hätte eher Lust, „Leiser!“ zu schreien. Und oft mit der gleichen Energie wie die alte Dame ganz hinten im Saal. Im Lauf der Jahre hat sich bei mir eine regelrechte Allergie gegen Debatten, Diskussionen und sonstige Veranstaltungen herausgebildet, bei denen man mit großem Eifer Haare spaltet und, nachdem man sich über Stunden das Hirn zermartert und eine üble Migräne entwickelt hat, nicht einmal das kleinste Problem lösen kann. Dieser Wunsch, für Stille zu sorgen, muss sehr weit zurückgehen.

Als ich ein Kind war, bedeutete der schulfreie Mittwoch eine gesegnete Pause mitten in der Woche. Und nur an diesem Tag durften wir kurz fernsehen. Es gab zwei Programme, und weil wir ein paar Schritte von der Grenze entfernt wohnten, noch zwei deutsche Sender. Im französischen Fernsehen: Zorro, Zirkus Pinder, Flipper, die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Auf den deutschen Kanälen – so habe ich es wenigstens in Erinnerung – vier besorgte Jugendliche mit Akne und erstem Bartflaum diskutierten unlösbare Probleme. Jungen und Mädchen, Konflikte zwischen Eltern und pubertierenden Jugendlichen, Atomkraft, Waldsterben.

Es war Ende der 70er Jahre, Deutschland war schwer und ernst, seine Jugend damit beschäftigt, die Welt neu aufzubauen. Frankreich war unbekümmert und schickte seine Kinder am Mittwochnachmittag zum Streunen an die Ufer des Mississippi. Die Deutschen wurden mit dem Diskutieren überhaupt nicht mehr fertig. Sicher ist das ein Grund, warum „Lauter!“ mich immer gleich doppelt zusammenschrecken lässt.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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