Mon BERLIN : Folter im Vereinsleben

Pascale Hugues[Le Point]

Wir müssen uns endlich mit dieser Frage auseinandersetzen!“

Dieser Satz stürzt mich sofort in Panik. Ein klassisches Albtraum-Szenario: Ich möchte fliehen, bleibe aber wie angenagelt auf meinem Holzstuhl sitzen, der mir Streifen in den Hintern drückt. Gelähmt, willenlos, wie ferngesteuert. Ohnmächtig der Situation ausgeliefert.

Der herrische kleine Satz fällt normalerweise, wenn ein Elternabend oder eine Vorstandssitzung in schwieriges Fahrwasser gerät. Das Problem, da sind sich alle einig, ist unlösbar. Es liegt in den letzten Zügen und wird bald das Zeitliche segnen. Ich bin zum Absprung bereit und freue mich schon auf einen genussvollen Abschluss des Abends: das Glas kühlen Rosé, das mich auf dem Balkon erwartet, der Wind, der in den Platanen rauscht, das ferne Brausen der Stadt, die in der nächtlichen Abkühlung allmählich zur Ruhe kommt. Doch stop zu dieser hedonistischen Träumerei! Ohne jede Vorwarnung hebt sich eine energische Hand und flattert wie eine kleine Fahne über den Köpfen. Jemand ergreift das Wort: „Wir müssen uns aber mit dieser Frage auseinandersetzen!“ Hilfe! Das Blut gefriert mir in den Adern. Adieu, du Rosé, du Junibrise auf dem Balkon. Alle Hintern lassen sich wieder auf den harten Holzstühlen nieder. Schließlich muss man sich zusammensetzen, um sich auseinanderzusetzen. Wir holen tief Luft. Es geht von vorn los.

„Sich auseinandersetzen“ ist einer der „deutschesten“ Ausdrücke, die ich kenne. Er lässt sich in keine andere europäische Sprache übersetzen.

„S'attaquer à un problème – ein Problem anpacken“: Die französische Sprache attackiert das Problem. Man stürzt sich in den offenen Kampf, mit Geschrei und Tritten unter die Gürtellinie. Der Bessere soll gewinnen. Sehen Sie sich nur einmal die französische Fußballmannschaft an, dann wird Ihnen sofort klar, wie man sich in Frankreich auseinandersetzt. Bei uns geht es im Vereinsleben und in der Öffentlichkeit viel weniger kultiviert zu. Wenn man argumentiert, schreit man sich zwangsläufig an.

„To deal with a problem – sich mit einem Problem befassen“: Die englische Sprache fordert zu juristischen Verhandlungen auf, präzise, gedämpft, höchst zivilisiert, geschmeidig und voll mit Höflichkeitsformeln. Man lässt sich treiben, man entspannt sich. Stay cool, und die Lösung wird dir auf einem Tablett serviert.

Sich auseinandersetzen: Die deutsche Sprache ist ein Folterknecht. Ohne dass man Sie nach Ihrer Meinung gefragt hat, werden Sie gezwungen, sich stundenlang Argumente anzuhören; sie hängen wie ein Güterzug an einer großen Lokomotive, die nichts und niemand bremsen oder anhalten kann. Sie rast geradeaus. Sehen Sie sich den Elternvertreter an, der gerade spricht. Er stürzt sich in einen endlosen Monolog. Er doziert monoton, doch von seiner Sache überzeugt. Mal eine klagende Arabeske, mal ein wenig verhaltene Wut. Doch nie verliert er die Selbstkontrolle. Der Beauftragte hat heute Abend eine große Mission: sich auseinandersetzen. Und er zwingt uns, den Becher bis zur Neige zu leeren… Ich persönlich würde lieber den Rosé auf meinem Balkon austrinken.

Sich auseinandersetzen. Schon der Ausdruck ist kompliziert. Vor meinem inneren Auge entsteht ein beklemmendes Bild: Wir zersetzen uns, wir legen unsere Bestandteile Stück für Stück auf den Boden. Sich auseinandersetzen ist wie ein öffentlicher Striptease, ein Argument nach dem anderen lässt man fallen… aber natürlich wesentlich weniger aufreizend! Sich auseinandersetzen erfordert eine seriöse Haltung. Gesten sind erlaubt, und man darf die zentralen Punkte seiner Argumentation durch ein leichtes Heben von Stimme oder Schultern unterstreichen. Der Tonfall aber bleibt streng. Man macht keine Witze, wenn man sich auseinandersetzt. Auf keinen Fall entspannt man die Stimmung durch Lachen, durch Händeklatschen, durch Schenkelklopfen, und man versucht auch nicht, die Zuhörer durch Charme auf seine Seite zu ziehen.

Eine leichte und verführerische Rhetorik ist nicht gefragt. Wir haben keine Zeit zu verlieren! Wer es mit Esprit versuchen wollte, würde nicht ernst genommen. Ein Hallodri! Wenn man sich schon auseinandersetzt, dann aber gründlich. Inzwischen ist eine gute halbe Stunde vergangen. Noch immer sehen wir nicht den kleinsten Funken einer Lösung am Ende des Tunnels. Der Rosé auf dem Balkon ist jetzt lauwarm.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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