Mon BERLIN : Gérard Depardieu: Kulturminister in Mordwinien

Unter François Hollande erlebt Frankreich einen neuen Steuerexodus. Die großen Bosse, die dank Internet- oder Börsenboom reich gewordenen 40-Jährigen, die um Papas Vermögen besorgten Erben – sie alle machen sich davon.

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Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".Foto: Tsp

Til Schweiger schmiegt sich in die weit ausgebreiteten Arme von Baschar al Assad und schwenkt seinen nagelneuen syrischen Pass. Hannelore Elsner bittet in Nordkorea um politisches Asyl. Heiner Lauterbach macht sich ganz klein, schwört Luxus und Flitter ab und kauft eine düstere Bruchbude in einem Kaff in Belgisch-Sibirien, um hier sein Steuerdomizil aufzuschlagen.

Dass Peer Steinbrück sich im Wahlkampf nur ja nicht verleiten lässt, wie François Hollande den Stars die Steuern zu erhöhen – die roten Teppiche der Republik würden sich womöglich sehr schnell entvölkern.

Der von viel Getöse begleitete Umzug von Gérard Depardieu – unseres Gégé national – ist nur der letzte Akt in einem Spektakel, das in Frankreich auf eine lange Tradition zurückblickt. Das fiskalische Exil ist nichts Neues. Ich erinnere mich an den Sturm der Panik, der nach François Mitterrands Einzug in den Élysée-Palast 1981 durch die tiefe Provinz fegte. Während Mitterrand, von den Franzosen Tonton genannt, mit einer schlichten roten Rose bewaffnet die Treppen des Panthéon emporstieg, beobachteten wir unsere Nachbarn, die eines Tages im Morgengrauen zwei große und sehr schwere Gepäckstücke in den Kofferraum packten. Sie fuhren in Richtung Schweizer Grenze davon und kehrten am Abend zurück, um ihre Last erleichtert. Und eine etwas senile Nachbarin meiner Großmutter fragte sich zur Teestunde bei Bridge und Zitronenkuchen, ob sie vor der „Ankunft der Roten“ nicht besser daran täte, ihr Silber im Garten zu vergraben.

Heute erlebt Frankreich unter François Hollande einen neuen Steuerexodus. Die großen Bosse, die dank Internet- oder Börsenboom reich gewordenen 40-Jährigen, die um Papas Vermögen besorgten Erben, die von einengenden Regulierungen bedrohten Gründer, diejenigen, die in aller Ruhe ein Vermögen anhäufen wollen, ohne dass von ihnen verlangt wird, das „Loch“ in den französischen Staatskassen zu stopfen – sie alle machen sich davon, in mildere Länder: Belgien, Schweiz, Großbritannien, Portugal, sogar Marokko.

Aber sind die Schweiz und Liechtenstein nicht ziemlich blasse und spießige Steuerparadiese? Die 640 Kilometer von Moskau entfernte mordwinische Hauptstadt Saransk dagegen hat Gérard Depardieu das Amt des Kulturministers angeboten – das ist doch mal ein originelles Ziel!

Und schauen Sie ihn sich an! Unser in die traditionelle mordwinische Tracht gewandete Gégé macht wirklich etwas her, wie er auf dem Rollfeld vom Gouverneur einer Provinz empfangen wird, die weniger für ihre touristischen Attraktionen als für ihre Gefangenenlager aus der Stalinzeit bekannt ist. Von Rasputin bis Asterix, von Montaigne bis Cyrano, von Danton bis zum Colonel Chabert, von der Ketchupreklame bis zur Werbung für die Sowjetski-Bank im russischen Fernsehen: Gérard Depardieu schlüpft so schnell in eine neue Haut, wie der gewöhnliche Sterbliche am Morgen das Hemd wechselt. Das hat er wieder einmal bewiesen.

Auch Brigitte Bardot mit ihren kajaltriefenden Augen – BB für alle Männer, die bei ihrem Anblick in Ohnmacht fielen – will nach Russland fliehen, um dem bösartigen Frankreich zu entkommen, das gerade zwei tuberkulosekranke und somit ansteckende Elefanten einschläfern lassen will. Adieu Saint-Tropez. Bonjour Moskau, das es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt, aber diese beiden Elefanten vielleicht in Ehren hält.

Der fettleibige, laute Depardieu, der in einer Flugzeugkabine in eine Plastikflasche pisst, betrunken Motorrad fährt und die „große Demokratie Russland“ lobt. Die Matrone Brigitte Bardot, eher abstoßend mit ihrem geradezu zwanghaften Kampf für die Tiere und ihrem Hang zur Front National. Bei der letzten Umfrage hat sie lautstark „Mut zur freien Meinungsäußerung“ gefordert und als einzigen Weg aus dem „Bordell, in dem Frankreich sich seit Jahren befindet“, die Wahl der „bewunderungswürdigen“ Marine Le Pen genannt. Was ist nur aus ihnen geworden, sage ich mir, wenn ich von Weitem diese beiden Ikonen, die Verkörperung Frankreichs, betrachte.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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