Mon BERLIN : Große oder kleine Damen

von

Wenn die Deutschen Respekt und Bewunderung für eine Frau deutlich machen möchten, entlehnen sie dem französischen Wortschatz einen Ausdruck, den sie, zu Recht oder Unrecht, für besonders elegant halten, einen Ausdruck tiefster Ehrerbietung: „Grande Dame“.

Eine „Große Frau“ ist ganz sicher nicht vom gleichen Kaliber wie eine Grande Dame. Eine Große Frau erinnert eher an eine korpulente, hochgewachsene Walküre mit tiefer Stimme und energischen Gesten. Einer Großen Frau fehlen die kühle Anmut, das Raffinement, die stolze Haltung einer Grande Dame.

Unter dem Stichwort Grande Dame vermerkt mein Wörterbuch eine „sehr bemerkenswerte Frau von hoher moralischer Qualität und großer Lebenserfahrung, die künftigen Generationen als Vorbild dienen wird“. Nicht gerade wenig Verantwortung auf Schultern aus Fleisch und Knochen. Die Grande Dame überragt das menschliche Getümmel. Mit souveränem Blick betrachtet sie den Tumult des Lebens zu ihren Füßen.

Die Grande Dame verkörpert genau das Gegenteil des Hausmütterchens (als die ganz auf das private Universum ihres Heims beschränkte Meisterin der drei K würde das Hausmütterchen es nie wagen, sich dem Rampenlicht der Öffentlichkeit auszusetzen) und der petite femme (ebenfalls eine kesse Leihgabe aus der französischen Sprache; zart wie ein Reh, die Tugend federleicht, so hat die petite femme de Paris die erotischen Träumereien ganzer Generationen von deutschen Herren bevölkert). Die Grande Dame ist nicht die Päpstin, bei der man eher an eine erdrückende, ja fast göttliche Autorität denkt. Vor allem aber keine Promi – eine neue, ordinäre Bezeichnung, eine freigebig verteilte Sauce: Promi-Köchin, Promi-Frisöse, Promi-Fußballer-Gattin. Promi riecht nach Klatsch und Tratsch, nach Eintagssternchen. Die Antithese der Grande Dame.

Ich habe mir eine Liste der Grandes Dames überlegt, die ich verehre. Juliette Gréco und Barbara, die Grandes Dames, die très Grandes Dames des französischen Chansons. Catherine Deneuve und Meryl Streep, die Grandes Dames des Kinos. Die beiden haben sich diesen Namen wirklich verdient. Sie altern mit Charme und Würde, sie haben ihren Humor behalten, und auf der Leinwand stellen sie eine ganze Flotte von 20-jährigen Starlets in den Schatten. Spätestens an ihrem 60. Geburtstag wechseln sie das Register, aus der femme fatale wird die Grande Dame.

Bei meiner Recherche bin ich auf June Crespin gestoßen, die Grande Dame des Kunstspringens an der kanadischen Nordküste. Eine Großmutter aus Quebec, kurze Haare, faltiges Gesicht. Ihr ist es zu verdanken, dass ein kleiner Kunstspringerclub in der Stadt Sept-Iles 30 Jahre überlebt hat.

Drei deutsche Grandes Dames kommen mir sofort in den Sinn: Hildegard Hamm-Brücher (Politik), Margarete Mitscherlich (Psychoanalyse) und Alice Schwarzer (Feminismus). Das Etikett klebt fest an ihnen.

Man sollte einmal die verstorbenen Grandes Dames in den Todesanzeigen zählen. Der Schock, die Trauer, vielleicht auch das schlechte Gewissen rufen diese manchmal übertriebene Würdigung hervor. Auf jeden Fall verdient man den Titel Grande Dame erst mit dem Alter. Deshalb bin ich zusammengezuckt, als Kate Moss Grande Dame der Mode getauft wurde. Als hätte eine Neiderin ihr schon in jungen Jahren Falten verpassen wollen.

Zugegeben macht der Ausdruck einer Grande Dame die so Benannte ein wenig zu einer alten Schachtel mit Klasse. Ich bevorzuge eine andere, leichtere, weniger einschüchternde Variante: petite dame. Etwa wenn der französische Fleischer fragt: „Wie viel soll es sein, ma p’tite dame?“ Dabei spielt es keine Rolle, ob die p’tite dame 1,80 Meter misst und 85 Kilo wiegt. Mit dieser zärtlichen Verkleinerungsform soll seine Kundin sich wohlfühlen, er will sie gewissermaßen zur Komplizin machen, bevor er sie in ein kleines Gespräch über das trübe Wetter verwickelt. Ma p’tite dame hat etwas Volkstümliches, Heiteres, Belebendes, ein bisschen wie der hübsche Berliner Ausdruck „junge Frau“.

Anders als eine Grande Dame ist eine p’tite dame kein unberührbares Monument. Sie steht mit beiden Füßen im Leben. Und ehrlich gesagt ist sie mir viel sympathischer. Nur – die beiden sind unvereinbar. Man kann nicht das eine und das andere sein. Man muss sich entscheiden. Stellen Sie sich nur mal einen Fleischer vor, der Hildegard Hamm-Brücher oder Alice Schwarzer als „ma p’tite dame“ anspricht, während er das Wechselgeld herausgibt.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben