Mon Berlin : Gruseliger Gruß der Vergangenheit

Wenn man zum ersten Mal nach Berlin kommt, fällt einem sofort die sehr fühlbare, aufdringliche Präsenz des Zweiten Weltkriegs auf. Die Schichten der Vergangenheit liegen hier übereinander.

Pascale Hugues

Unsere Füße scheinen fest in der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu stehen. In unserem Gesichtsfeld die turbulente Oberfläche unserer heutigen Welt: die Eurokrise, der Rücktritt von Horst Köhler, der runde Geburtstag des Großvaters, der endlich funkelnde Sommer. Eine Kette großer und mikroskopisch kleiner Ereignisse, die uns in unserer Zeit verankern – jedenfalls haben wir unverbesserlichen Pragmatiker das geglaubt! Wir leben mittendrin! Im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit ist vorbei. Olle Kamellen! Wer kümmert sich noch darum! Schwamm drüber! Wir haben Wichtigeres zu tun.

Und dann, ganz plötzlich, springt die Vergangenheit wieder hoch. Von sehr fern, unerwartet, unheimlich, bedrohlich, übernimmt sie die Herrschaft über unser Leben. Die Sundgauer Straße in Zehlendorf, man braucht nur die Augen zu öffnen, das ist ein S-Bahnhof, ein Videoworld, eine Fahrschule, eine Eisdiele, ein Hundesalon. Der Berliner Alltag in all seiner Banalität. Nur Verrückte und Spökenkieker könnten in diesem Dekor, in der grünen Ruhe einer gewöhnlichen Straße, Schatten und Gespenster sehen. Die Sundgauer Straße hat mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Nichts deutet mehr auf die Dramen hin, die sich hier abgespielt haben. Nichts deutet auf die Bedrohungen hin, die bis heute in der Erde lauern, nur wenige Meter unter unseren Füßen.

Und dann, vorige Woche: Durch reinen Zufall, bei Arbeiten an der Kanalisation, der Schock. Die Arbeiter legen eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg frei. 500 Kilo Sprengstoff hausen völlig vergessen in einer Baugrube. 9000 Anwohner werden evakuiert. Der Verkehr wird umgeleitet. Eine plötzlich sehr mächtige Vergangenheit hat die Gegenwart in Geiselhaft genommen. Wir machen kehrt und steigen in die Zeitmaschine.

65 Jahre … das liegt nicht so weit zurück. Schlagartig bestürmen uns anachronistische Bilder: Berlin in den letzten Kriegstagen. Berlin im Bombenhagel. Die Feuerstürme, die Querschläger in den zerbombten Straßen, die Berliner, die sich ausgehungert in den Kellern drängen, die vergewaltigten Frauen, Hitler, der in seinem Bunker verfault. Die Vergangenheit meldet sich zurück. Der Strom des Lebens wird unterbrochen. Mahnung – ich finde dieses Wort schrecklich moralisch. Trotzdem würde ich es hier vielleicht benutzen. Für diesen gruseligen Gruß, den die dunklen Stunden Europas uns schicken.

Wenn man zum ersten Mal nach Berlin kommt, fällt einem sofort die sehr fühlbare, aufdringliche Präsenz des Zweiten Weltkriegs auf. Fast überall Baulücken, Einschusslöcher an noch nicht renovierten Fassaden. 25 bis 40 Tonnen Bomben finden die Einsätzkräfte jährlich in Berlin. Vor ein paar Wochen eine Bombe von 250 Kilo in Tegel. Eine andere wurde bei Arbeiten am Bahnhof Ostkreuz ausgegraben. Laut Senat liegen noch etwa 3000 Bomben im Boden der deutschen Hauptstadt. Phantome aus Eisen und Pulver. Leben wir auf einer Zeitbombe? Unheimlich.

In Berlin liegen die Schichten der Vergangenheit übereinander. Wir leben auf der sehr dünnen, sehr empfindlichen obersten Membran. Sie trennt uns von der noch so lebendigen Vergangenheit. Mit welchen Geheimnissen ist der Boden unter unseren Füßen sonst noch gespickt? Ein Stück von einer slawischen Sichel? Ein Sack Goldstücke im Garten oder das Silber, das die Großmutter vor der Ankunft der Russen noch schnell vergraben hatte? Das Skelett von Tante Anna unter dem Tulpenbeet vor dem Haus? Nein, ich will die Berliner nicht anstiften, nach einem Spaten zu greifen und die Erde ihrer Hauptstadt aufzugraben. Aber Sie sollten wissen, worauf Sie täglich Ihre Füße setzen, wenn Sie aus dem Haus gehen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Eine Sammlung der „Mon Berlin“-Kolumnen ist unter dem Titel „In den Vorgärten blüht Voltaire“ (Rowohlt) erschienen. Pascale Hugues liest am 9. Juni um 20 Uhr in der Buchhandlung Braun & Hassenpflug in der Fischerhüttenstr. 79 in Berlin.

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