Mon BERLIN : Gute alte Boulette, wie lieb’ ick dir

Pascale Hugues[Le Point]

Wenn man den Sommer über nicht zu Hause war, sind die gewohnten Wegmarken nach der Rückkehr kaum noch zu erkennen. Diese Stadt, deren Umrisse man doch mit geschlossenen Augen wiedererkennen würde, scheint sich in unserer Abwesenheit verwandelt zu haben: Die Baustelle am Ende der Straße ist nicht mehr da, das Haus gegenüber ist in eine graue Plastikplane eingewickelt. Fast könnte man sich in den eigenen vier Wänden seines Stadtviertels fremd fühlen. Und deshalb braucht man unbedingt Gewissheit. Man muss die alten Bezugspunkte wiederfinden.

Eine Boulette in der Kantine der Philharmonie war es, die mich am Sonntagabend direkt vor Strawinsky und Bartók von Neuem in meiner Adoptivstadt verankert hat. Sie ruhte auf einem Salatblatt. Sie schwitzte ein wenig, hatte sie doch schon so lange auf einen gierigen Magen gewartet, der sie verschlingen würde. Ihre Gestalt war unregelmäßig, ihre Farbe sehr grau, sie war nicht schön und auch nicht mehr frisch. Aber wie sie da vor mir erschien, zwischen Stullen mit rohem Schinken/gekochtem Ei und runden Pumpernickelscheiben mit Camembert – da machte mein Herz einen Sprung. Mit einem Mal wusste ich, dass ich wieder in Berlin war. Dass der Schoß meiner Stadt mich erneut aufgenommen hatte.

Die Boulette ist die Fahne von Berlin. Ihr lebendiges Symbol. Viel eher als dieser alberne Plüschbär, den man jedem durchreisenden Prominenten in die Arme drückt, viel eher als der Funkturm oder sogar das Brandenburger Tor. Wenn ich mir eine Boulette auf die Zunge lege, dann verspüre ich diese wunderbare Erleichterung, dann erst weiß ich: Ich bin in Berlin angekommen.

Die Boulette ist für Berlin das, was die Bouillabaisse für Marseille ist, die Melone für Cavaillon, der Crottin für Chavignol, der Schinken für Bayonne, die Madeleine für Commercy, die Schnecken für das Burgund, der Senf für Dijon, die Rillettes für Tours, die Calissons für Aix, die Wurst für Lyon, für Montbéliard, für Morteau, für Straßburg, für Toulouse, für Frankfurt, für so viele andere. Die Wurst weht über einem ganzen Schwarm europäischer Städte. Man könnte meinen, dass sie nichts Besseres gefunden haben. Die Boulette dagegen ist originell und viel bescheidener als all die raffinierten Spezialitäten, für die man endlos Zeit und echtes Kochtalent braucht. Ein wenig Schweinefleisch, ein wenig Kalbfleisch, Zwiebel, ein paar Gewürze und Salz. Fertig ist die Boulette! Mit einer kleinen Senfmütze oder einem Petersilienschleier wird sie verschönert.

Haben Sie es auch schon bemerkt? In Berlin ist die Boulette immer dabei. Wenig überraschend ist ihre Anwesenheit beim Picknick im Tiergarten oder auf dem Buffet beim Schulfest: schlicht, nahrhaft, leicht aus der Hand zu verschlingen. Dagegen wirkt sie in der Kantine der Philharmonie schon etwas erstaunlicher. Sonntagabend fragte ich mich, wie ein Flötist sein so zartes Instrument mit drei schweren Bouletten im Magen spielen kann. Eine luftige Mousse wäre wohl eher angebracht gewesen.

Auch bei mondänen Empfängen taucht die Boulette auf. Da ist sie eindeutig fehl am Platz! Wie oft habe ich nicht schon bei einer Berliner Soiree, die besonders in oder besonders intellektuell sein wollte, einen Teller Bouletten gefunden, zwischen einer Platte Tomaten/Mozzarella (lies: Wir sind gar keine richtigen Deutschen. Wir liiieben die Toskana), winzigen Tassen mit Slow-Food-Süppchen und rosa Pfeffer (lies: Wir sind auf der Höhe der Zeit), orientalischem Couscous-Salat (lies: Wir sind multikulti und stolz darauf, jawohl, Herr Sarrazin!). Und plötzlich, als hätten sie sich in diese extravagante Parade von Fingerfood verlaufen: zehn Bouletten. Die Boulette verleiht dem Abend etwas Proletarisches. Ein Eindringling. Sie liebt die Provokation. Sie versteckt ihre gesellschaftlichen Ursprünge nicht. Bei ihr weiß man, woran man ist. Und man ist ihr unendlich dankbar.

Die Boulette ist ein sicherer Wert. Zeitlos. Nach dem Arbeitstag auf zu einem Empfang. Ein hastiges Glas Sekt, der einem in den Kopf steigt, man lässt eine halbe Stunde verkrampfte Reden und lauen Beifall über sich ergehen … Endlich wird das Buffet eröffnet. Wie ein Junkie stürzt man sich darauf. Und was findet sich auf dem weißen Tischtuch? Petits fours, Näpfchen mit Creme, Miniatur-Zabaione mit Lavendel, drei Körner Kaviar auf einem Stück Toast, so dünn wie eine Bibelseite. Ein Festmahl für Liliputaner, aber nicht für Werktätige, die eine dreiviertelstündige Laudatio überlebt haben. Welche Erleichterung, als die auf einen ordinären Zahnstocher aufgespießte gute alte Boulette erscheint. Der Abend ist gerettet! Der Mund ist voll, der Magen für den Rest der Nacht abgeblockt.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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