Mon BERLIN : Handsigniert, für meinen Pudelbär

Wenn Schriftsteller ihre Bücher signieren, werden ihnen die geheimsten Lebenstüren geöffnet. Der handgeschriebene Tintenzug ist wie eine Brandmarkung.

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Ich kenne mich in der Privatsphäre der Berliner bestens aus. Ich weiß, wer „Schnuckelchen“, „Häschen“ oder „Schätzchen“ genannt wird. Ich weiß, wer eine Schwägerin namens Susanne hat, wer am 25. Oktober Geburtstag feiert und wer eine frisch an der Hüfte operierte Schwiegermutter hat, die im Krankenhaus liegt.

Ich weiß, wer morgen Abend bei Freunden zum Essen eingeladen ist und ein Mitbringsel braucht. Wer jeden Mittwochnachmittag zum französischen Konversationskurs in der Volkshochschule Charlottenburg geht und wie viele Lesezirkel es in Wilmersdorf gibt. Wer eine Tochter hat, die in Berlin studiert, einen geschichtsversessenen Cousin, ein Haus in der Provence, ein Faible für Elsass und Gewürztraminer. – Nein, nein, ich bin keine Seherin mit siebtem Sinn, der die Leute durchsichtig macht. Aber wenn die Leser an dem Tisch vorbeidefilieren, an dem ich meine Bücher signiere, und mich bitten: „Schreiben Sie bitte: Für meinen Pudelbär… Für Clara, zur Erinnerung an unsere Begegnung vor 20 Jahren…", dann werde ich, ohne es zu wollen, in ihr Innerstes versetzt.

Wenn Schriftsteller ihre Bücher signieren, werden ihnen die geheimsten Lebenstüren geöffnet, und sie können den weiteren Weg ihres Buches verfolgen: Wohin wird es wandern? Wer wird es in den Händen halten? Wer wird die Geschichten entdecken, die man in monatelanger Arbeit allein am Schreibtisch verfasst hat?

Wenn der Autor seine Unterschrift auf das Vorsatzblatt seines Buches setzt, lässt er es ziehen, er vertraut es seinen Lesern an. Es gehört ihm schon nicht mehr. Er sieht seine Protagonisten in der Ferne verschwinden, er sieht, wie sie es sich in den Wohnzimmern und Schlafzimmern bequem machen, wie sie sich am Strand und im Park ausstrecken. Ich weiß sehr wohl, warum die Leser diese Mühe auf sich nehmen – eine Viertelstunde lang in einer Warteschlange stehen, um ein paar eilige Sätze mit dem Autor auszutauschen und rasch ein Autogramm zu bekommen. Als ich vor einigen Wochen vom Tod des irischen Dichters Seamus Heaney erfuhr, suchte ich im Regal das Buch, in das er mir vor langer Zeit in Dublin wenige Worte von exquisiter Liebenswürdigkeit geschrieben hatte. Die Unterschrift eines meiner Lieblingsdichter bekam plötzlich einen ganz besonderen Wert. Auf dem Vorsatzblatt einer Gedichtsammlung fand sich schwarz auf weiß die Erinnerung an die vielen Jahre, die seine Worte mich begleitet hatten, ein Geruch nach Torf und Nebel, feuchtem Himmel und Heideland im Herbst.

Ich habe auch die Unterschrift aufgehoben, die Frédérik Mey, alias Reinhard Mey, in den 70er Jahren einer der seltenen Exportschlager des deutschen Chansons, auf das Einwickelpapier eines Kaugummis gekritzelt hatte. Ich war 17 Jahre alt. Ich war in seinem Konzert gewesen. Ich hatte all meinen Mut zusammengenommen und um ein Autogramm gebeten. Ich hatte kein anderes Papier dabei. Das Wrigley Spearmint war besser als nichts. Natürlich bin ich dieser Art von Personenkult längst entwachsen und jage den Autogrammen von Sängern und Musikern nicht mehr nach, aber dieses heute ganz verkrumpelte Stück habe ich nie weggeworfen.

Ein signiertes Buch wird seiner Anonymität entrissen und schafft ein zusätzliches Einverständnis zwischen Autor und Leser. Dieser handgeschriebene Tintenzug ist wie eine Brandmarkung: Das Buch gehört wirklich Ihnen, keinem Anderem als Ihnen. Ausgeschlossen, dass es von Hand zu Hand wandert, dass jemand vergessen könnte, es Ihnen zurückzugeben oder es Ihnen klaut – schließlich trägt es Ihren Namen.

Es ist ein bisschen so, als hätte der Autor es allein für Sie geschrieben. 300 Seiten extra nur für Schnuckelchen!

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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