Mon BERLIN : Im Strandkorb zwischen Düsseldorf und Hannover

Man braucht sich nicht in die Paragrafen eines Handbuchs zum Verfassungsrecht zu verirren. Um die einzigartige Komplexität des deutschen Föderalismus zu verstehen, genügen drei Sommerwochen auf einer Insel in der Nordsee.

Pascale Hugues[Le Point]

Ich komme aus einem Land, in dem die Verteilung der Ferien einfach ist und zentral geregelt wird. Die kleinen Franzosen von Pas de Calais bis zur Côte d’Azur haben zwei Monate Ferien, von Anfang Juli bis Anfang September. So war es schon in meiner Kindheit, und bis heute hat sich das nicht geändert. Frankreichs Bevölkerung zerfällt in zwei Lager: die Julisten (die im Juli in Urlaub fahren) und die Augustisten (die lieber im August Ferien machen). Am 1. August steigt ganz Frankreich in die kollektive Hölle hinab: Die Julisten und die Augustisten treffen sich im Flaschenhals der Autobahn. Die einen fahren nach Hause. Die anderen kommen an.

Und – schwupps! – am 1. September sind die Sommerfrischler davongeflogen wie ein Schwarm Spatzen, den die ersten Schauer des herannahenden Herbstes verjagt haben. Die Strände sind leer. Die Autobahnen auch. Es ist die „rentrée“, die Rückkehr. Das gleiche Ritual für alle. Paris bevölkert sich wieder. Die Büros erwachen aus ihrer Lethargie. Man büffelt wieder auf den Schulbänken.

In Deutschland findet sich keine Spur einer derartigen Disziplin. Im Sommer herrscht hier die Anarchie. Die Ferienplanung erfordert eine ausgeklügelte Strategie. Jedes Bundesland stellt seinen eigenen Kalender auf. An unserem Nordseestrand laufen die Urlauber nacheinander in Wellen auf. Und schon Mitte Juni fängt das verrückte Karussell an, sich zu drehen. In diesem Jahr haben die Niedersachsen die Saison eröffnet. Sie sind wortkarg, zurückhaltend. Man nimmt sie kaum wahr. Und würden sie ihre Strandkorbnachbarn nicht mit einem schlichten „Moin, Moin“ grüßen, wenn sie morgens an den Strand kommen, dann würde man ihre Anwesenheit kaum bemerken. Die Nächsten sind die Berliner, die sich seltsamerweise um meinen Strandkorb sammeln, als wollten sie mich vor dem Heimweh schützen. Und wenn sie sich beim Volleyball ein „Jut jemacht“ über das Netz zuwerfen, fühle ich mich, als wäre ich nie aus Berlin weggefahren.

Die große Invasion hat diesmal Mitte Juli stattgefunden. Ein verschrecktes Murmeln verbreitete sich über die Sandbänke, panische kleine Wellen ließen das Meer in allen Farben schillern. Vorsicht! Nehmt euch in Acht! Sie kommen! Kaum sind die Niedersachsen verschwunden, landen die Nordrhein-Westfalen auf der Insel. Plötzlich gibt es nicht einen einzigen freien Strandkorb mehr, dafür abends vor der Eisdiele eine unendlich lange Schlange. Und nach wenigen Stunden haben diese ausgehungerten Horden, die von den Ufern des Rheins zu uns gestoßen sind, die Regale im Supermarkt geplündert. Vor ihrer Ankunft empfehlen sich Hamsterkäufe.

In diesem großen regionalen Schmelztiegel behält allein der Käsehändler den Überblick. Sobald die Kunden seinen Laden betreten und ihre Wünsche äußern, weiß er, aus welcher Gegend sie stammen. Nehmen Sie zum Beispiel die Niedersachsen, sagt er. Sie essen nur, was sie kennen. Ihr Horizont beschränkt sich auf Butterkäse. Sie kämen nie auf die Idee, sich in kulinarische Abenteuer zu stürzen, um einen neuen Geschmack kennenzulernen. Sie gehen keinerlei Risiko ein. Die Nordrhein-Westfalen sind da schon wagemutiger. Etwas mehr vom schicken Crottin de Chavignol, wenn sie aus Düsseldorf kommen. Etwas mehr vom proletarischen Harzer Roller für die Duisburger.

Aber die wirklichen Draufgänger, so mein Gewährsmann, kommen aus dem Süden. Wenn die Baden-Württemberger und die Bayern anreisen, bleibt er auf seinem Gouda sitzen! Der Ladentisch füllt sich mit exotischen Käsesorten.

Und die Berliner?, wagte ich zu fragen. Die Berliner, antwortete mein Käsehändler, wobei er mich musterte und einen Moment zögerte. Die Berliner sind wie die Völker des Südens: Gourmets! Feinschmecker! Mit Augen so rund wie zwei Räder Brie starrte ich ihn an. Die Berliner? Gourmets? Ein Kompliment, mit dem bestimmt noch niemand meine Landsleute beglückt hat. Ich glaube, dass mein einfühlsamer Käsehändler meinen Regionalstolz nicht verletzen wollte.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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