Mon BERLIN : Ins Freie

In Paris zahlt man einen hohen Preis für den Run aufs Land. Am Sonntagabend steht man bei der Rückkehr zwei Stunden im Stau und kann das endlose Defilee der Vorstadt-Plattenbauten betrachten. Die Berliner haben dieses unfassbare Glück: Ihre Landpartien liegen praktisch vor der Haustür

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Mit den ersten Fieberausschlägen des Barometers stürzt an diesem Wochenende ganz Berlin wieder nach draußen. Eine fette Rauchwolke wird über dem Tiergarten hängen, auf den Brandenburger Wiesen werden Decken für ein Schläfchen ausgebreitet und in den Schrebergärten Campingmöbel aufgeklappt, Karawanen von Radfahrern und Rucksackwanderern werden die Straßen bevölkern und auf den Balkonen wird sich üppiges Blattwerk zeigen.

Monatelang hatte man sich in seinem Zuhause eingeigelt, in seinem dichten Kokon, in seinen Schuhen und Strümpfen, in den eigenen vier Wänden unter der Deckenlampe. Auf engem Raum. Ohne Sonne. Ohne einen Lufthauch. Ohne Horizont. Jetzt schleudert eine Zentrifugalkraft uns hinaus. Wir müssen raus! Sofort! Die Berliner lassen sich nicht zwei Mal bitten.

In Paris zahlt man einen hohen Preis für den Run aufs Land. Am Sonntagabend steht man bei der Rückkehr zwei Stunden im Stau und kann das endlose Defilee der Vorstadt-Plattenbauten betrachten. Ist man spätabends völlig erschöpft wieder zu Hause, so hat der Erholungswert des Wochenendes sich in den Autoabgasen verflüchtigt. Die Berliner haben dieses unfassbare Glück: Ihre Landpartien liegen praktisch vor der Haustür, ein paar Minuten mit dem Wagen oder etwas länger mit dem Fahrrad.

Häufig frage ich, was uns an den ersten warmen Tagen so unwiderstehlich hinauslockt, ins Leben „en plein air“, „in der vollen Luft“, so die wörtliche Übersetzung des französischen Ausdrucks. „Open air“ oder „outdoors“ auf Englisch. Ins Freie, wie man auf Deutsch zutreffend sagt. Denn hier geht es um Freiheit, räumlich wie geistig. Schluss mit den wenigen Quadratmetern im zweiten Stock in einer dicht bebauten Straße. Schluss mit der Decke, die einem auf den Kopf fällt und die Träume erdrückt. Schluss mit dem Blick auf den Hinterhof und seine Mauern als Ersatz für den Horizont. Schluss mit dem Esstisch und seinen festgelegten Plätzen, den Gedecken und den guten Manieren, Schluss mit der Kleidung, die den Körper gefangen hält.

Stattdessen lümmelt man wild durcheinander auf einer Wiese, man isst mit den Fingern und spuckt die Hühnerknochen ins Gebüsch, man entblättert sich wie das Gänseblümchen beim Abzählreim. Die nackten Füße ruhen im frischen Gras, der Kopf in den zarten Wolken, die in der Ferne vorüberziehen. Und wie herrlich, nachts im Schlafsack unter einem Apfelbaum zu schlafen. „A la belle étoile“ heißt es auf Französisch so einladend. Unter einem „schönen Stern“, der hoch oben wohlwollend über uns wacht.

Bei diesen ländlichen Orgien ist alles erlaubt. Der Raum dehnt sich, der Körper ebenfalls und mit ihm der Geist. Wie sonst sollte man die Entscheidungen derjenigen erklären, denen unser Spott gilt, wenn wir sie im Vorbeifahren auf der Landstraße fast streifen. Campingtisch und Klappstühle haben sie im Straßengraben aufgestellt, direkt neben einer Kreuzung. Sie sind im Zentrum des Geschehens! Und das ist so viel aufregender, als sich vernünftig an die dafür vorgesehenen Tische auf den Parkplätzen zu setzen! Sie kauen ihre Wurstbrote und beobachten den endlosen Strom der Autos. Wie ein Kuhherde, die dem Fluss des Lebens zuschaut. Sie haben sich hier niedergelassen, als hätten sie keine Minute zu verlieren. Nur kein noch so kleiner Umweg, um einen angenehmeren Platz zu finden. Ein paar Kilometer entfernt, an den Nebenstraßen, findet man herrliche Aussichten, Vogelgesang und heiteren Frieden. Aber die Umgebung ist unwichtig, solange man nur den offenen Himmel über sich hat. Ob Sie es glauben oder nicht – diese Menschen kommen sich vor wie im Paradies. Sie fühlen sich leicht, so leicht … und frei, unendlich frei. Und dabei steht der Frühling ganz am Anfang, der Sommer ist weit weg und wird noch lang dauern. Sie haben noch so viel Zeit vor sich. Das Leben fängt eben erst an.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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