Mon BERLIN : Kaffee ohne Fluppe? Das ist zu heftig

Seit dem 1. Februar 2007 verbietet ein Erlass des französischen Innenministeriums nachdrücklich das Rauchen in öffentlich zugänglichen Räumen. Doch wenn die Zigarette in Pariser Cafés nicht mehr dabei ist, hinterlässt sie eine große Leere.

Pascale Hugues[Le Point]

Ob es einem nun passt oder nicht – die Zigarette gehört ebenso zum Dekor des Pariser Cafés wie der Besoffene, der an der Theke lehnt, der Ballon Rotwein zum Frühstück, die stolze Parade von Aperitifflaschen und Pokalen der Boulemannschaft über der Kasse und der gelbe und königsblaue Ricard-Wasserkrug, den der Patron dem Gast schwungvoll auf den Tisch knallt.

Und wenn die Zigarette nicht mehr dabei ist, hinterlässt sie eine große Leere. Kein Geruch nach kaltem Tabak mehr, von dem einem morgens übel wird. Keine nikotinvergilbte Decke. Kein Gauloise-Nebel spät in der Nacht. Kein Tabak zum Selberdrehen, keine Zigarillos mit dem Ambraduft, keine blonden oder dunklen Zigaretten. Soeben ist in Paris die erste Sauerstoffbar, die Bar à Oxygène, eröffnet worden. Ein sehr gesunder, sehr schicker, sehr toter Ort. Schließlich geht man nicht ins Café du Commerce, um sich die Lungen durchpusten zu lassen. Man geht hin, um über Sarko zu lästern, um zu schimpfen, zu träumen, zu flirten, die Welt neu zu erschaffen und krumme Ideen zu stricken, starre Theorien aufzustellen, die die Woche nicht überdauern werden … und das alles geht viel leichter, wenn man kräftig an seiner Zigarette zieht.

Stellen Sie sich mal Sartre, Beauvoir, Camus oder Prévert vor ohne die im Mundwinkel balancierende Zigarette … Stellen Sie sich Boris Vian und Juliette Greco vor, wie sie vernünftig einen Pfefferminztee schlürfen und sich freuen, dass ihr Risiko, an Herzinfarkt oder Gefäßkrankheiten zu sterben, um 15 Prozent gesunken ist. Existenzialismus ohne Zigarette ist wie alkoholfreies Bier an einem Sommerabend oder ein Croissant, in einen Sojamilchkaffee getunkt. Gut für die Gesundheit. Schlecht für die Schaffenskraft.

Seit dem 1. Februar 2007 verbietet ein Erlass des französischen Innenministeriums nachdrücklich das Rauchen in öffentlich zugänglichen Räumen. Den Bar-Tabacs hatte man noch eine Gnadenfrist von einigen Monaten zugestanden. Seit dem 1. Januar 2008 sitzen alle im gleichen Boot. Es geht darum, „die Qualität des öffentlichen Raums zu erhalten“, so der Erlass. Raucher auf die Straße! Auf den Trottoirs von Paris frieren kleine Versammlungen in einem Meer von Kippen, die auf dem Asphalt liegen. An jeder Straßenecke werden Komplotte geschmiedet. Permanente Revolution.

„Damit werden wir aus den Gedanken gerissen!“, beklagt sich eine Historikerin vom Science-Pô, wo die französische Elite herangebildet wird. Man muss Rechner und Gehirn in den Energiesparmodus versetzen, ins Erdgeschoss hinuntergehen und auf dem Gehweg zehn Minuten lang die Abgase der im Stau stehenden Autos in die Lungen saugen. Die großen Ideen der Historikerin lösen sich in Dunst auf. Es bleibt nur die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, wo man schön im Warmen an seiner Fluppe zog, unter seinesgleichen bei der Kaffeemaschine im Flur des dritten Stocks. Einst „knüpfte man ein soziales Netz“, wie die Soziologen sagen. Heute frönen die Schuldigen auf der Straße ihrem Laster, jeder für sich. „Ein Kaffee ohne Fluppe, das ist zu heftig“, erklärt ein bissiger Autor, der ein paar Straßen weiter vor der Tür seines Verlagshauses steht. In Begleitung seiner Pressefrau betrachtet er die Plastikstangen, die am Rand des Fußwegs einen Behindertenparkplatz abteilen. Die Stangen sind alle verbogen. Ein Lieferwagen stellt sich dahin und fährt sie um. „Das ist Frankreich!“, freut sich der bissige Autor und zieht vergnügt an seiner Gauloise ohne Filter. Es regnet. Die Pressefrau zieht eine kleine Wollweste über. Der bissige Autor schlägt seinen Jackenkragen hoch. Es ist zu viel. Auf dem Trottoir wächst der Wille zum Aufstand. Der bissige Autor beschließt, dass er das nicht mit sich machen lassen will. Morgen wird er Räucherstäbchen mitbringen, um alle Spuren seiner Gesetzesübertretung zu verwischen. Der Pressefrau fällt ein, dass in ihrem Schlafzimmerschrank noch ein Ventilator steht. Man denkt sich etwas aus. Man lässt sich etwas einfallen. Wie man in Ruhe rauchen kann.

„All dieser Wahnsinn geht vorüber“, sagt der bissige Autor und steckt sich die zweite Zigarette an. Extra!

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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