Mon BERLIN : Kein Ort mit Chic

Pascale Hugues[Le Point]

Für einen schicken kleinen Nachmittag in der Stadt sind sie einfach perfekt!“, erklärt Sascha, große melancholische Augen, aristokratische Kopfhaltung, blonde Locken im Nacken, einen weißen Seidenschal lässig über die zarte Brust geworfen. Sascha kennt die Sehnsüchte der weiblichen Seele. Und er ist ein echter Snob. Er wacht darüber, dass keines der auf einem Tablett arrangierten Objekte, die er in seiner Boutique in der rue Bonaparte in Paris verkauft, sozial deklassiert wird.

Sascha reicht mir ein Paar Ohrringe. Fünf Zentimeter lang, Elfenbeinperlen, Ebenholzringe und geflochtene Goldfäden. Ein Traum! Ein Kunstwerk! „Venezianischer Stil, elegant, verspielt, raffiniert“, schwärmt Sascha. Meine verzückte Verwirrung dauert nur den Bruchteil einer Sekunde. Die herrische Stimme der Vernunft wirft mich auf die Matte der Realität zurück. „Wo willst du das denn in Berlin tragen?“, flüstert sie. Wenn man solche Wunderwerke kauft, verdammt man sie dann nicht zu einer traurigen und einsamen Existenz in den Tiefen einer Schmuckschatulle? Unter Saschas inquisitorischen Blicken sitze ich auf einem Samtsessel und versuche mir einen schicken „kleinen“ Nachmittag in Berlin vorzustellen. Nicht etwa einen „großen“ profanen Nachmittag, hin- und hergejagt zwischen Arbeit, Zahnarzttermin, Hausaufgaben der Kinder, Supermarkt und anderen öden Pflichten des alltäglichen Diesseits … nein, einen „kleinen“ Nachmittag, leicht, unbekümmert. Ein Nachmittag auf einer Wolke. Ein Nachmittag, an dem man im Tanzschritt durch die Straßen schwebt. Ein Nachmittag, an dem man seine Ohrringe an einem passenden Ort vorführt, diesem Ort mit „Chic“, den Sascha so selbstverständlich empfiehlt.

Wie ich mir auch den Kopf zermartere, in Gedanken Unter den Linden und Ku’damm entlangmarschiere, mich in meiner Fantasie in die angesagtesten Teesalons und Bars meiner Hauptstadt setze ... Ein schicker Nachmittag … Gibt es das in Berlin? Trotzdem kaufe ich die Venezianerinnen. Sie sind zu schön! Und mit einer ehrgeizigen Mission im Gepäck nehme ich das Flugzeug nach Berlin.

Es ist ein neureicher Irrtum, wenn man glaubt, dass die teuerste Adresse auch den meisten Chic haben muss. Aber nichts Besseres ist mir in den Sinn gekommen. Und schon steige ich am ersten triumphalen Frühlingstag die Stufen des Hotels Adlon hoch. Wird die Rotunde um vier Uhr nachmittags ihren Zweck erfüllen? Vier Kröten speien einen nie versiegenden Wasserstrahl in den zentralen Springbrunnen. Livrierte Pagen schieben ihre Gepäckwagen zu den Aufzügen. Hinter einer Säule spielt ein trauriger Pianist eine Polka. Ich bewundere die löblichen Anstrengungen der Direktion, diesem völlig neu aufgebauten Ort die authentische Atmosphäre des Fin de Siècle zu verleihen. Ja … fast könnte man an ein Ensemble von altmodischem Chic glauben. Bestimmt werden meine Ohrringe hier Zuflucht finden.

In Londons großen Hotels wird Jeansträgern höflich der Zutritt verwehrt. Ohne Krawatte können Männer nicht die Drehtür passieren. „I am so sorry, Sir …“ Ausdruck des Bedauerns, freundliches, doch entschlossenes Lächeln. Gedemütigt macht der schlecht Gekleidete kehrt. Wollte das Hotel Adlon sich darauf versteifen, um vier Uhr nachmittags einen derart drakonischen Dress code durchzusetzen, wären seine Salons im Nu ebenso leer wie die Wüste Gobi. In Berlin läuft man immer Gefahr, overdressed zu sein. Am Nebentisch zwängen sich zwei übergewichtige Jugendliche, in graue Jogginghosen und silbrig glänzende Blousons mit dem Logo einer unerschwinglichen Marke gekleidet, in zu enge Sesselchen. Die Beine gespreizt, verschlingt ihr Vater Himbeerkuchen und spricht dabei laut und russisch. Neues und vulgäres Geld. Selbstsicheres Geld ohne Manieren.

Auf einem Sofa sitzen nebeneinander drei alte Damen in karierten Blazern und mit brillantenbeladenen Fingern. Sie trinken eine Tasse Kaffee. Sie sind so altmodisch, so steif, haben so wenig Charme. Eine Gruppe Rentner, Rucksack, Dauerwelle, beiger Anorak und schwäbischer Dialekt, beugt sich oben über die Balustrade und starrt die Gäste an. Sie kommen nur vorbei. Sie wollen nur mal gucken. Bloß kein Geld ausgeben.

„Im Sommer verbieten wir Shorts und Flipflops“, beruhigt mich die Kellnerin. Immerhin etwas … Aufgeregt klingeln die Venezianerinnen an meinen Ohren. Sie fühlen sich nicht wohl. Sie würden gern die Flucht ergreifen. Rasch im dunklen Schutz ihres Etuis verschwinden. Ich denke an Sascha. An sein entsetztes Gesicht, wenn er mich hier sehen könnte.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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