Mon BERLIN : Kinderglück zwischen Ruinen

In den Dokumentarfilmen über die düsteren Nachkriegsjahre in Deutschland erzählen die Zeitzeugen mit glücklichem Lächeln von ihrer Kindheit damals. Im Nachhinein erscheint eine der dunkelsten und ärmsten Epochen, die Deutschland je durchlebt hat, als eine Zeit unbeschwerter Freiheit.

Pascale Hugues[Le Point]

Gerade habe ich eine Woche lang meine Kindheitserinnerungen aufgeräumt. Sie lagerten in Kartons und Kisten auf dem Dachboden meines Elternhauses. Die Zeit war vergangen, dicke schwarze Staubschleier hatten sich auf dieses frühere Leben gesenkt. Zum ersten Mal seit mindestens 30 Jahren nahm jemand den Deckel ab. Heraus sprang eine Kindheit der 60er und 70er Jahre.

Ich fürchte ein wenig, dass die große Nostalgie, die mich ergriffen hat, mich in einen Moralapostel verwandelt. Ist die Kritik an der heutigen Jugend nicht ein Zeichen von Verbitterung? Und doch, als ich Stück für Stück die elektrische Eisenbahn auspackte, die Papierpuppen, die Verkleidungen, die mit Zeichnungen und Collagen vollgestopften Schachteln, die handgeschriebenen Poesiealben, die aus Nylonstrümpfen und Stoffresten gebastelten Marionetten, die Gummibänder und Springseile …

Ich sah die Nachmittage wieder vor mir, die ich ruhig in meinem stillen Kinderzimmer spielte. So viel Fantasie. Wir bauten uns Parallelwelten auf, weit weg von der übrigen Wohnung, in der meine Eltern die Gesetze machten. Sobald sich unsere Zimmertür hinter uns schloss, war alles erlaubt. Alles war möglich. Und die Schule war sofort vergessen, genau wie die Eltern. Sie waren in der Nähe, aber sie gingen ihren Erwachsenenbeschäftigungen nach und vertrauten uns.

Wenn ich die Kinder heute beobachte, ihre Zeitplanung nach Art kleiner Businessmänner am Rand des Burnout: Schule, Sport, Musik, Zahnarzt, Logopäde, Nachhilfe, ganz zu schweigen von Fernseher und Computer – dann sage ich mir, dass wir verrückt geworden sind. Diese ununterbrochene Aktivität, Lärm, ständige Bewegung, Hetze, strukturierte, organisierte, kleingehackte, niemals tote Zeit. Dieses festgefügte Leben ohne Langeweile und vor allem ohne Abenteuer.

Das ist mir schon oft aufgefallen. In den Dokumentarfilmen über die düsteren Nachkriegsjahre in Deutschland erzählen die Zeitzeugen mit glücklichem Lächeln von ihrer Kindheit damals: Ganze Nachmittage stromerten sie alle zusammen durch die Ruinen von Berlin. Abenteuer bis zum Einbruch der Dunkelheit, bis man nichts mehr sah und der Hunger am Magen zerrte. Erst dann ging man nach Hause, zufrieden, ruhig, man hatte seine überschüssige Energie abreagiert.

Im Nachhinein erscheint eine der dunkelsten und ärmsten Epochen, die Deutschland je durchlebt hat, als eine Zeit unbeschwerter Freiheit. Ganz gewiss gab es weniger traurige und mit zu schweren Schulranzen bepackte Kinder, die ihre Nachmittage mit Hausaufgaben verbringen, bevor sie von ihren omnipräsenten Müttern vom Hockeytraining zur Gitarrenstunde eilen.

Die Kinder waren allein unterwegs. Sie hatten keine Angst. Ihre Eltern auch nicht. Sie besaßen kein Handy, diese Nabelschnur, deretwegen man sich nie ganz von zu Hause trennen, der elterlichen Kontrolle entziehen, sein eigenes Leben leben kann.

Gerade habe ich gelesen, dass ein vornehmes Hotel in Süddeutschland während der Ferien Einführungskurse für Biologie, Naturwissenschaften, Sprachen, Musik und Kunst anbietet. Humanistische Bildung rund um die Uhr, von „erfahrenen Pädagogen“ betreut, so die Werbebroschüre. Biologiekurse in den Ferien!

In den 70er Jahren hätten die Kinder Ihnen einen Vogel gezeigt! Und zu Recht! Sogar mitten im Sommer schwebt das Damoklesschwert „Pisa“ über den Gipfeln der bayerischen Alpen. Nur keine Zeit verlieren! Jede Minute nutzen! Die Köpfe mit Wissen vollstopfen! Als wären die Ferien nicht dazu da – das jedenfalls war ihre ursprüngliche Bedeutung –, nichts zu tun, nichts zu lernen, außer vielleicht über das Leben und seine Freuden, in der Nase zu bohren, sich ein bisschen zu langweilen, mit leerem Kopf und verschwommenen Gedanken darauf zu warten, dass die Zeit vergeht, in einer Sofaecke zu lümmeln, sich stundenlang auf seinem Strandtuch zu räkeln oder auch Dummheiten zu machen und auch mal ein Risiko einzugehen. Im französischen Slang nennt man das Faulenzen buller, „blubbern“. So wie ein Fisch mit offenem Mund und dämlichem Gesicht in seinem Aquarium blubbert. Er schaut zu, wie das Leben vorüberzieht. Das ist eine wesentlich klügere Beschäftigung als Biologiekurse im August.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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