Meinung : MON BERLIN Kochen vor Wut

Pascale Hugues

Mittwochmorgen, halb neun. In meinem Berliner Mietshaus herrscht Kampfstimmung. Die Nachbarin aus der Wohnung unter mir bläst zum Angriff: Sie hat beschlossen, zum Mittagessen Kohlrouladen zu machen. Dafür braucht man einen ganzen Vormittag, weil das Kalbshack stundenlang in seinem übel riechenden Saft ziehen und der Wirsing gekocht und wieder gekocht werden muss, bis er einem gräulichen Stück Latex ähnelt, das beim Kauen auseinander fällt.

Sofort schiebt sich ein leicht identifizierbarer Geruch Schritt für Schritt die Treppenstufen hinauf, quetscht sich unter meiner Wohnungstür hindurch und überflutet die Diele. Erhöhte Erstickungsgefahr. Panik in der dritten Etage. Ich gehe zum Gegenangriff über: Mit dem dicken Sofatuch wird die Türritze abgedichtet. Jetzt bin ich eingeschlossen in meiner eigenen Wohnung, eine Gefangene meiner Nachbarin. Bis zur Mittagsstunde muss die Tür hermetisch versiegelt bleiben. Keine Chance auf einen Morgenspaziergang. Ich sage alle Verabredungen ab und beziehe im Flur Stellung. Die Belagerung hat begonnen.

Elf Uhr. Irgendwie hat es der Gestank geschafft, durch die blockierte Türritze zu ziehen. Kohlrouladenmief kriecht die Wände entlang, erobert ein Zimmer nach dem anderen, verpestet die ganze Wohnung. Kapitulation in der dritten Etage. Ich öffne die Fenster. In einem letzten lächerlichen Versuch, den Feind zurückzuschlagen, zünde ich Räucherstäbchen an. Derweil hat sich das Kalbshack in einen unidentifizierbaren Brei am Pfannenboden verwandelt, vom Wirsing ist nichts mehr übrig als ein widerlicher Kadaver.

Die BSE-Krise hatte einen kurzfristigen Waffenstillstand zur Folge, einige Wochen friedlicher und geruchloser Nachbarschaft, bevor die Kampfhandlungen umso heftiger wieder ausbrachen. Die olfaktorische Promiskuität der Berliner Mietshäuser ist mir ein Gräuel, ich hasse Kohl. Ich ertappe mich dabei, von englischen Nachbarn zu träumen, mich nach gekochtem Fleisch zu sehnen, nach tiefgefrorenen Erbsen und faden Karotten, nach der Neutralität von bread pudding und der Unschuld von gravy. Ich werde ganz nostalgisch beim Gedanken an diese wunderbare Nationalküche, die sich weder durch Geruch noch durch Geschmack auszeichnet.

14 Uhr: Meine Nachbarn sind in den Tiefen ihres Plüschsofas versunken und verdauen den mühsam errungenen Sieg der Kohlroulade. Sie sind vollkommen erschöpft. Ich auch. Totenstille liegt über dem Haus. Der Belagerungszustand ist aufgehoben, der Angreifer zieht sich langsam zurück. Ich öffne die Tür einen Spaltbreit und wage es, die Nase in den Flur zu strecken. Die Gefahr ist abgewendet: Das Treppenhaus riecht nach Reinigungsmittel, langsam erobert sich der frische Duft der Hinterhofbäume sein Territorium zurück.

Morgen schlage ich zurück. Pünktlich um sieben Uhr früh bringe ich meinen Kochtopf in Stellung und fahre schwere Geschütze auf: 1 Zwiebel, 4 Gewürznelken, 3 Knoblauchzehen, 800 g Rinderkeule, 800 g Rinderbug, 1 Bund Suppengrün, 6 Karotten, 6 weiße Rüben, 3 Pastinaken, 3 Stangen Lauch, 3 Stangen Sellerie, 4 abgehangene Markknochen. Garzeit: vier Stunden, mindestens. Rache ist ein Gericht, das kalt serviert wird.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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