Meinung : MON BERLIN Krieg der Generationen

Pascale Hugues

Was ist das nur für ein Wahnsinn? Ganz Deutschland scheint sich an zwei grobkörnigen Karikaturen festgebissen zu haben, in denen die Altersstufen des Lebens als verfeindete Clans darstellt werden.

Auf der einen Seite des Schlachtfelds: die Alten. Ein Jetset von Achtzigjährigen, tipptopp in Form und komplett sorgenfrei. Die Spezies des deutschen Rentners zeichnet sich durch ganzjährig zimtfarben gebräunte Haut aus, tritt meist als Horde von unerschrockenen Globetrottern in Erscheinung, ist auf mallorquinische Golfclubs und die Strände von Cancun abonniert und glänzt durch edelweißfarbene Zähne. „Hitlerjugend-Veteranen!“, schallt es ihnen entgegen. „Die Jungen sind euch komplett egal, ihr seid eine Generation von Egoisten. Es ist nicht unsere Aufgabe, eure Viagra-Rezepte zu bezahlen, um euch sexuelle Erfüllung ad vitam eternam zu garantieren!“

Im anderen Lager: die Jungen. Eine Horde von Yuppies, die zwar keinen Bock, dafür aber umso mehr Spaß haben wollen. Narzisstische, parasitäre Nichtsnutze, die ihr Elternhaus als kostenlose Halbpension mit integriertem Wäscheservice betrachten und auf reichhaltige Erbschaften spekulieren. „Undankbare Gören!“, schreien ihnen die Alten entgegen. „Wir waren es, die jene Studiengänge finanzieren, die ihr im Schneckentempo absolviert!“

Seltsam. Leide ich unter Realitätsverlust? Oder quält sich das von der Sommerhitze überwältigte Deutschland mal wieder mit einem seiner hysterischen Anfälle?

Reicht es nicht, ein einziges Altersheim zu besuchen, um diese Schwarz-Weiß-Vision sofort über den Haufen zu werfen? Dort trifft man das Alter plötzlich ohne jeden Glamour an, dafür mit all seinen kleinen körperlichen Miseren, seinen alltäglichen Erniedrigungen. Inkontinenz, Zahnausfall, lückenhaftes Erinnerungsvermögen, Krankheit, totale Abhängigkeit. Man begegnet Einsamkeit, mitunter sogar Verwahrlosung, weil jungen überarbeiteten Familien weder Zeit noch Mittel zur Verfügung stehen, um sich um die Alten zu kümmern.

Reicht es nicht, einmal dem eigenen Babysitter zuzuhören, um mit einem Schlag jenen Mythos des jugendlichen Dolce Vita auf Pump hinwegzufegen? Da erfährt man von der berechtigten Angst, keinen Ausbildungsplatz zu finden, keine Arbeitsstelle, keine irgendwie geartete Sicherheit, obwohl man drei Sprachen spricht und zwei Diplome in der Tasche hat. Immer höher steigt unter jungen Deutschen die Quote der Depressiven und der Magersüchtigen. Und ist es nicht gleichzeitig diese Generation, die so massiv gegen den Golfkrieg protestiert hat?

Gott bewahre mich davor, in Pessimismus zu verfallen – dafür haben die Deutschen eine natürliche Begabung und benötigen wahrlich keine Hilfe von außen. Nur ist die Realität eben ein kleines bisschen facettenreicher als jenes neid- und hasserfüllte Bild, das uns seit einigen Wochen vorgegaukelt wird. Diese künstliche Konstruktion eines Generationenkriegs, lediglich dazu bestimmt, den Talkshows neuen Schwung zu verleihen, bringt niemanden weiter. Ganz Europa steht vor einem kollektiven demographischen Trauma: dem so genannten „Papy-Boom“, dem Opa-Boom, der massiven Pensionswelle der nach 1945 geborenen Generationen. Hunderttausende Franzosen gingen auf die Straße, um gegen das Projekt der Rentenreform zu demonstrieren, das die Raffarin-Administration schließlich mit Gewalt durchsetzte. Ob man zwanzig ist oder sechzig, ob man in Paris lebt oder in Berlin, die Angst ist die gleiche.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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