Mon BERLIN : Lachen ist wie ein Scheibenwischer

Wie sieht einer aus, der zum Lachen in den Keller geht? Eine maskenhafte Miene, die nicht einmal ein kleiner Witz auflockern kann. Solche Menschen gibt es. Aber auch ganz andere. Ein französisches Sprichwort sagt: Eine Frau, die lacht, hat schon einen Fuß im Bett. Eine Kolumne.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Eine der Stärken der deutschen Sprache: Viel besser als die französische kann sie konkret, plastisch, geerdet sein. Und manche Ausdrücke beschreiben einen Seelenzustand so überwältigend klar, dass vor dem inneren Auge eine kleine Szene wie ein Filmschnipsel abläuft, der alles sagt. Zum Beispiel die Wendung: „Er geht zum Lachen in den Keller“, einer meiner Lieblinge. Ohne jede Umschreibung erfasst man den Sinn sofort. Eine Übersetzung ist auch überflüssig. Man muss sich nur mal diese kurze Sequenz vorstellen: Ein Mann, gekrümmt, mit verzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen. Von einem unwiderstehlichen Lachkrampf geschüttelt, stürzt er sich aus dem Zimmer, rennt zur Kellertür, reißt sie auf, stürzt in großen Sprüngen die Treppe hinunter, kauert sich zwischen die für den Winter ins Haus geholten Pflanzen in ihren Tontöpfen und dem da unten üblichen Gerümpel: klapprige alte Möbel, Kinderspielzeug, Kartons, Werkzeug. Er lacht, lacht schallend, wie besoffen, aus vollem Halse. Er schlägt sich auf die Schenkel. Die Kellerwände bilden eine Art Polsterhöhle, die sein Glucksen und Schnüffeln auffängt. Im Dunkeln ist er kaum zu sehen.

Man sieht den Humor vor sich

Er geht zum Lachen in den Keller beschreibt im Deutschen jemanden ohne den geringsten Sinn für Humor. Ernst. Trocken. Ein pisse-froid, wörtlich ein Kaltpisser, so nennt man auf Französisch einen mürrischen, humorlosen Menschen ohne menschliche Wärme. Als hätte das Lachen die Sekundärtugend, den Urin zu erwärmen.

„He wouldn’t know humour if it bit him on the butt.“ Wie Sie sehen, bevorzugt das Englische bei seinen metaphorischen Bemühungen die gleichen Körperregionen wie das Französische: unter der Gürtellinie. Man sieht den Humor vor sich, wie er hinter einem streng aussehenden Mann her rennt und ihn kräftig in den Hintern beißt. Der Mann zeigt keinerlei Regung. Aber das deutsche Bild spricht mich immer noch am meisten an.

Wie sieht einer aus, der zum Lachen in den Keller geht? Eine maskenhafte Miene, die nicht einmal ein kleiner Witz, eine fröhliche Anrede auflockern kann. Ein Scherz, der die Atmosphäre entspannen soll, prallt an einem Betongesicht ab. Man ist hilflos, ohnmächtig. Ja, manche Menschen durchqueren ihr Leben ohne Lachen. Letztens habe ich einen solchen Mann getroffen, einen Atomphysiker. Wir saßen eine Stunde in seinem Arbeitszimmer. Nicht ein einziges Mal hat er gelacht oder gelächelt. Ich fragte mich, ob ihm an dem Tag etwas Schreckliches passiert war. Andererseits wirkte er keineswegs mitgenommen, nur extrem ernst. Ich verließ das Büro erschöpft. Und voller Mitleid. Wie es wohl sein mag, wenn man den Widrigkeiten des Lebens entgegentreten muss, ohne sie durch das Lachen parieren oder wenigstens mildern zu können? Ich erinnere mich, dass wir bei der Beerdigung meines Großvaters viel gelacht haben. Ein Elsässer mit einem feinen Humor. Ich war damals noch ein Kind und begriff instinktiv, dass das Gelächter der Erwachsenen nichts Anstößiges hatte. Sie würdigten diesen Mann, der uns so oft zum Lachen gebracht hatte, mit einem letzten Gruß, sie linderten den Schmerz, sie feierten das Leben, das ohne ihn weiterging. „Das Lachen ist wie ein Scheibenwischer“, so ein französischer Komiker, „der Regen hört nicht auf, aber man kann weiterfahren“.

Eine Frage liegt mir noch auf den Lippen

Niemanden bewundere ich so sehr wie die Leute, die wie mein Großvater eine ganze Runde zum Lachen bringen können. In jeder Familie gibt es jemanden, dem diese Gabe in die Wiege gelegt wurde: der Sinn für Humor. Eine unwiderstehliche Waffe der Verführung. Ein französisches Sprichwort sagt: Eine Frau, die lacht, hat schon einen Fuß im Bett. Mehr als ein gutgefülltes Portemonnaie, graue Schläfen, ein hoher Status oder Kunststücke im Bett ist der Sinn für Humor das unwiderstehlichste männliche Attribut.

Eine Frage liegt mir aber noch auf den Lippen: Warum steigt dieser Mann wie ein Illegaler in den Keller? Warum versteckt er sich, um zu lachen? Was ist so verwerflich, wenn man sich offen und mitten im Wohnzimmer über die Absurdität der Welt amüsiert?


Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.


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