Mon BERLIN : Liebe in Zeiten des Handy

Pascale Hugues[Le Point]

Meine Strandkorbnachbarin, eine frisch verliebte SMS-Junkie, hängt am Tropf. Ihr Gesicht spiegelt die Variationen des Himmels über der Nordsee. Strahlende Sonne: Er hat gerade geschrieben, dass er in seine kleine Sirene auf einer Nordsee-Insel rettungslos verliebt ist. Wie eine Nachtigall in der Sommernacht höre ich sie singen. Sie steht auf und springt begeistert im Sand herum. Plötzlich wirft eine Wolke ihren verstörenden Schatten auf den Strand: Seit einer Ewigkeit hat er nichts mehr von sich hören lassen! Genau zwei Stunden! Am Anfang ihrer Geschichte hat er ihr innerhalb von fünf Minuten 17 SMS geschickt! Ist diese so stramme Liebe schon dabei, sich auszuleiern wie ein zu oft gewaschenes T-Shirt? Eisiger Regenguss: Sie weint fast. Heute hat er ihr nur eine einzige SMS gesendet. Und welcher Beweis einer unsterblichen Passion! In großer Eile. Probleme mit dem Wagen. Der Auspuff qualmt. Muss dringend zur Werkstatt. Ohne ein einziges „Ich liebe dich“. Nicht einmal die Zeit für einen hastigen trockenen Kuss. Nur diese entsetzlich profane Botschaft.

Nein, meine Nachbarin ist kein zum ersten Mal verliebter Teenie, sondern eine gestandene 62-Jährige, eine blendend aussehende Frau, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Großmutter von zwei kleinen Blondschöpfen, die irgendwo am Horizont buddeln.

Als ich sie so beobachte, sage ich mir, dass man wirklich ernsthaft untersuchen sollte, wie tiefgreifend iPhones, Blackberries und Konsorten die Natur der Liebesbeziehung verändert haben.

Heute liebt man sich überstürzt. Das Handy hat zu einer frenetischen Beschleunigung der Zeit, der Wörter, der Geständnisse geführt. Man nähert sich dem anderen nicht mehr Schritt für Schritt, behutsam, zurückhaltend. Man nimmt ihn im Sturm, man bemächtigt sich seiner ganz und gar. Ein Stress, dem man kaum gewachsen ist. Friedlich rollen große weiße Wolken über den unendlichen Augusthimmel. Ein Orkan bricht tief im Nachbarstrandkorb los. Die SMS flitzen hin und her. Die Sätze stürmen davon, toben zurück, vom Nordseestrand nach Oldenburg, von Oldenburg zum Nordseestrand, rasende Fluten, deren Rhythmus der Mond nicht mehr steuern könnte. Zwei Stunden Schweigen bedeuten Panik. Er hat sein Auto in die Garage gefahren. Sie denkt bereits – die Phantasie läuft auf Hochtouren –, dass er eine andere liebt.

Übrigens: Wie will man diese so intimen und vielschichtigen Gefühle in wenigen Worten und mit Feinheit auf den Minibildschirm des Handys quetschen? Außerdem bleibt nach ein paar Tagen nicht mehr viel zu sagen, wenn man sich stündlich SMS schreibt. In diesem Rhythmus wäre selbst dem wortgewaltigen Cyrano de Bergerac die Inspiration versiegt. Sie können sich also die Not des Notars aus Oldenburg vorstellen, der seine Nordseenixe erfreuen will. Die heftigste Leidenschaft erschöpft sich, wenn man mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks alle halbe Stunde „Ich liebe dich“ tippt. Um die Stille zu möblieren, kommt man sehr rasch dazu, über den täglichen Kleinkram Buch zu führen, Minute für Minute: Bestandteile des Frühstücks, Wetter, Diskussion mit dem Werkstattmechaniker … Wahre Leidenschaftskiller! Auch die stärkste Flamme löschen sie mit großen Eiswassergüssen.

„Ein einziger Mensch fehlt, und die ganze Welt ist leer“, heißt es in einem Gedicht von Lamartine. Der Held aus Oldenburg hätte sich ein Stück von dieser Weisheit abschneiden können. Er hätte in diesem Sommer die Kraft der Abwesenheit erfahren können. Aber nein, er lauert dauernd am Strand – fern und doch so hautnah. Niemals außer Sicht, immer in Reichweite. Während meine Nachbarin auf dem Handy klimpert, habe ich einen dicken Roman gelesen. Dutzende von Malen hat der Himmel seine Farbe gewechselt. Eine Frage quält mich allerdings: Was werden sie sich noch zu sagen haben, wenn sie sich wieder sehen? Werden sie die Freude erleben, gemeinsam die fern voneinander verbrachte Zeit einzufangen? Das Glück, endlich die Sehnsucht zu stillen, die den ganzen Sommer an ihnen gezerrt hat? Das Atemstocken, wenn der andere, der Abwesende, plötzlich auf dem Bahnsteig erscheint. Diesen Moment der Fremdheit und des Wiedererkennens: Er ist da, von neuem, die Welt bevölkert sich. Fast hat man den Klang seiner Stimme, die Umrisse seines Gesichts vergessen. Wie am ersten Tag ist er von Geheimnis umhüllt. Noch einen kurzen Augenblick. Bald wird die Vertrautheit wieder zu ihrem Recht kommen.

Ich fürchte sehr, dass meiner hübschen SMS-Nixe eine einzige Frage auf den Lippen brennt: Qualmt dein Auspufftopf immer noch? Wenn das nicht das brutale Ende einer Liebesgeschichte ist …

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben