Mon Berlin : Mein ägyptischer Casanova

Korrespondentin Pascale Hugues findet es eigentlich gar nicht so schlecht, was Präsident Sarkozy für eine Liebesshow abzieht - vor allem im europäischen Vergleich ist der Franzose kaum erreichbar.

Nein, ich will nicht! Muss das wirklich sein? Muss ich mich in der ersten Kolumne des neuen Jahres tatsächlich mit den sexuellen Eskapaden meines Präsidenten auseinandersetzen? Schon die ganze Woche kämpfe ich gegen den Druck an. Wirklich nicht leicht.

„Wir sind einfach verpflichtet, die Chose zu analysieren!“, so gebot mir noch gestern früh ein französischer Landsmann, wie ich von jeher im Berliner Exil. Per Telefon holte er mich aus dem Bett, um mir meine Bürgerpflichten in Erinnerung zu rufen, und besonders, um mir seine Meinung mitzuteilen. „Das liegt doch völlig auf der Hand: Sarko wollte dasselbe Spielzeug wie Mick Jagger. Und er hat es gekriegt! Der Kerl ist doch so was von krank!“ 8 Uhr morgens. Über Berlin ist der Tag gerade angebrochen, das ganze Haus schläft noch, während mir ein Schnellkurs in männlicher Psyche zuteilwird. Mein Freund schlägt empört auf den Tisch, und ich sage mir: Ein solches „Spielzeug“ abzulehnen, das ihm ein gütiges Christkind unter den Weihnachtsbaum gelegt hat – der Mann ist noch nicht geboren. Man muss nur die unzähligen Seiten lesen, die die deutschen Blätter den präsidentiellen Amouren widmen, um zu erkennen, dass Carla Bruni das kollektive Wunschbild all dieser Herren verkörpert. „Rehaugen“, „Männerfresserin“, „Katzenfrau“, „Feuervogel“, „erotische Gefährtin“ …

Unter dem Deckmantel der Missbilligung lassen meine Herren Kollegen sich zu den wildesten Träumen des Alkovens hinreißen. „Napoleonkomplex“, so analysieren sie. Übersetzt heißt das: Was für ein Glückspilz, dieser kleine Franzose! „Megaloman“, so urteilen sie. Übersetzt: Wie hat ER es nur angestellt, eine solche Trophäe zu erbeuten?

Ein paar Stunden später, bei meinem Friseur, sind Sarko und Carla in aller Munde. Der Meister des „chat and go“ stürzt sich auf mich, kaum dass ich seinen Salon betreten habe. „Und dein Präsident?“, fragt er mich und breitet mir einen mausgrauen Umhang über die Schultern. Schnippschnapp. Mit drei Schnitten ist das Schicksal der Schönen und des Biests zurechtgestutzt: „Größenwahn! Der hat dem Image von Frankreich ziemlich geschadet!“ Diesmal brauche ich nicht einmal in der „Gala“ zu blättern. Es interessiert mich auch nicht, welches Dekolleté bei der Bambi-Gala mit welcher Fliege flirtet. Neben Rolex und Ray Ban, Privatjets und aufgeknöpften Hemden in Luxor verblasst der rote Teppich des Düsseldorfer Kongresszentrums.

Abends in der Küche vergnügen wir uns damit, schräge Paarungen, unmögliche Duos, zusammenzustellen. Das neueste Modespiel in Berlin. Norbert Blüm und Claudia Schiffer? Iiii!!! Gordon Brown und Kate Moss? Poua!!! Angela Merkel und Dieter Bohlen? Bääääh!!! Zwischen den letzten Gläsern Rotwein und den Resten der Weihnachtsgans erklingt spät am Abend nur noch ein Konzert aus angewidertem Glucksen, schockierten Lachern, hemmungslosen Lautmalereien. Was halten Sie von George W. Bush und Paris Hilton? Auaaa!!!

Auf die Gefahr hin, dass ich als sexistisch gelte, dass mein Patriotismus vulgär und mein Hang zu Klischees geschmacklos wirkt, muss ich zugeben: Im tiefsten Herzen bin ich ganz schön stolz auf meinen Präsidenten. Wenn schon, denn schon! In Sachen Liebe haben die Franzosen die Nase vorn. Vor allem angesichts des traurigen Spektakels, wie es die Liebesgeschichten deutscher Politiker darstellen. Wenn ich die Abenteuer von Horst Seehofer, der seiner Sekretärin in seiner kleinen 2ZKB-Dienstwohnung am Ufer der Spree ein Kind macht, mit der 1001 Nacht meines Präsidenten und seines Topmodels in einem Fünf-Sterne-Hotel am Nilufer vergleiche, kommt Mitleid auf. Und Christian Wulff, rasiert bis zum Gehtnichtmehr, gegenüber unserem ägyptischen Casanova mit seinem Dreitagebart! Selbst Rudolf Scharping, der seine Gräfin in das blaue Wasser eines mallorquinischen Swimmingpools warf, kann neben Mick Jagger und Eric Clapton nicht bestehen.

Merci Monsieur le Président! Ihnen ist es zu verdanken, dass es kein Weihnachtsloch gibt, kein Gähnen beim Friseur, keine ermattenden Gespräche in unseren Berliner Küchen. Und ich bin gewiss, dass Sie an den Ufern der Seine noch ein paar schöne Kolumnen für 2008 bereithalten.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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