Mon BERLIN : Merkels Lustknaben

Merkel regiert vom Bett aus! Sollte die Kanzlerin im Geheimen wirklich das betreiben, was man in Frankreich so hübsch als „Kopfkissenpolitik“ bezeichnet? Pascale Hugues sinniert über die Folgen des Merkel’schen Skiunfalls.

von
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Merkel regiert vom Bett aus! Die Schlagzeile samt dem Ausrufezeichen sprang mir ins Auge, als ich mir am Dienstagmorgen beim Berliner Bäcker gegenüber einen Pappbecher mit bitterem Kaffee holte. Ein täglich um halb elf vollzogenes Ritual, das mich zur Konfrontation mit der auf der Theke, über Mehrkornbrötchen und Buttercroissants, ausgelegten „Bild“-Zeitung zwingt.

Der Schock ließ mich fast zu Boden gehen: Was? Merkel? Eine Bettgeschichte? Wie bei uns? In einem französischen Gehirn ist die erste Assoziation natürlich von galanter Art. Sollte dieses so tugendhafte Deutschland sich tatsächlich den in meinem Land praktizierten lasziven Sitten anpassen? Kein König ohne Kurtisanen? Kein Minister ohne Liaison? Kein Präsident ohne Doppelleben? ... Keine Bundeskanzlerin ohne einen Lustknaben?

Sollte Angela Merkel im Geheimen wirklich das betreiben, was man in meinem Land so hübsch als „Kopfkissenpolitik“ bezeichnet? Nachdem man sich mit seinem Liebhaber oder seiner Mätresse der fleischlichen Akrobatik gewidmet hat, diskutiert man das Weltgeschehen, Kopf an Kopf auf demselben Kissen. Die großen geopolitischen Fragen, die Reform der Armee und der Renten, die beschlossenen Steuererhöhungen, mit verschlungenen Körpern, die Köpfe auf einem Stoffrechteck.

Täuschen Sie sich da nicht! Das Kopfkissen ist viel mehr als ein harmlos-unschuldiges Beiwerk. Von jeher ist es ein Ort von großer historischer Bedeutung, an dem Strategien ausgearbeitet, Intrigen eingefädelt und ideologische Programme formuliert werden. Das Foto, mit dem „Bild“ seinen Knüller illustriert, lässt meine wilden Fantasien sofort platzen. Angela Merkel ist in St. Moritz, bis zum Kinn in eine graue Reißverschluss-Fleeceweste eingemummelt, sie trägt ein Stirnband und an den Füßen Langlaufski, die mindestens 20 Jahre alt sind. Die Kanzlerin ist auf der Loipe gestürzt, die Folge ist ein angebrochener Beckenring. Seit ein paar Tagen führen Orthopäden und Koryphäen aller Art uns in die intimsten Winkel der Merkel’schen Anatomie.

Eine Expedition, die ich ehrlich gesagt etwas dreist finde. Wirbel für Wirbel steigen wir hinab, auf dem Steißbein eine kleine Pause, am Hüftgelenk vorbei, und nun sind wir am Ziel: der linke Beckenknochen. Und der schmerzt! Ich hätte mir zumindest ein Foto in der Art erwartet: Angela Merkel auf ein Meer von weißer Spitze gebettet, in einen Morgenrock aus altrosa Satin gehüllt, den Rücken auf ein Spalier von Kissen gestützt, eine Tasse Tee in der Hand, ein Handy auf den Knien und ein iPhone am Ohr.

Die Kanzlerin dirigiert die Welt aus der Vertikalen. Auf Hockern und mit durchgestrecktem Rücken drängt sich um sie herum das vollzählig erschienene Bundeskabinett. Ja, die Sonnenkanzlerin der Bundesrepublik schart den ganzen Hofstaat um ihr Lager, Berater, Höflinge und treu ergebene Würdenträger.

Sollte die Republik mit dem Jahresbeginn das Steuer herumgerissen und sich in eine absolutistische Monarchie verwandelt haben? Eine große Frage bleibt: Werden wir in den drei Wochen Zwangspause sehen, wie Angela Merkel sich im heimischen Krankenbett dem Aktenstudium hingibt? Ganz sicher eine gute Gelegenheit, ein paar Tapferkeitslorbeeren einzustreichen. Sehen Sie sich doch die Kranke an, sie durchleidet ein Martyrium, aber niemals würde sie ihre Pflichten oder die Bürger vernachlässigen, die sie gerade wiedergewählt haben.

Andere haben aus vergleichbaren Situationen Kapital geschlagen. Erinnern Sie sich etwa an Ségolène Royal, als ihr viertes Kind geboren wurde. Damals war sie die Frau von François Hollande und französische Umweltministerin. Sie lud einen Fotografen von „Paris Match“ zu sich ein. Eine Wöchnerin im gestreiften T-Shirt, das Baby im Arm. Auf ihrem Nachttisch ein Stapel Akten aus ihrem Ministerium.

Die Botschaft damals war eindeutig: eine aktive, emanzipierte Frau, die niemals blaumacht. Wie sieht die Heldin aus, die ich in den nächsten drei Wochen entdecken werde, morgens um halb elf, zwischen Mehrkornbrötchen und Croissants?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

8 Kommentare

Neuester Kommentar