Mon BERLIN : Mit eingezogenem Bauch

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Wenn Sie ein Produkt bewerben wollen, wenn Sie wollen, dass die Türen auf Ihrem Weg sich ganz weit öffnen, oder wenn Sie einfach nur alle Blicke auf sich ziehen wollen - dann gibt es eine dem Französischen entlehnte Zauberformel, die in diesem Land wahre Wunder vollbringen kann: Verwenden Sie den Ausdruck „mit Niveau“ am Ende Ihres Satzes, mit gespitzten Lippen, versnobter Miene und hoch erhobener Nase – dann ist nichts mehr unmöglich.

So habe ich in Ostwestfalen eine Autolackiererei „mit Niveau“ entdeckt, die ihren Kunden Sonderfarbtöne, höchste Qualität und einen Rattenschwanz an Superlativen anbietet. In München eine Peep Show „mit Niveau“ (bloß nichts Schlüpfriges! Man könnte man meinen, dass die Revuegirls in diesem „Crazy Horse“ ihre Kostüme bis zum Kinn zuknöpfen!). In Berlin eine FEWO „mit Niveau“, kuscheligen Sofas und Blick auf die Spree. Es gibt einen deutschen Hip Hop „mit Niveau“ (upgraded, voilà, der Hip Hop wird zum exklusiven Zirkel der E-Musik zugelassen), Streiten „mit Niveau“ (im Debattierclub von Erlangen ist es untersagt, sich mit Porzellan und Schimpfwörtern zu bewerfen) und sogar Witze „mit Niveau“ (ausgeschlossen, dass man sich auf die Schenkel klopft und sich vor Lachen krümmt. Keine schweinischen oder sexistischen Witze. Die Witze „mit Niveau“ haben die Eigenheit, dass niemand darüber lachen kann), Seitensprung „mit Niveau“ (wobei die Würde des Aktes zweifellos das schlechte Gewissen des Treulosen beruhigt). Und im „Blitz“, der lokalen Wochenzeitung von Eberswalde, bin ich vorige Woche über die Kleinanzeige einer Trauerrednerin gestolpert, die „niveauvolle Worte des abschiedlichen Gedenkens“ spendet. Die Dame mit Vornamen Dorle ist Tag und Nacht telefonisch zu erreichen und kann Sie ins Grab katapultieren, während sie Sie gleichzeitig mit edlen Worten einbalsamiert.

„Auf dem Niveau von ...“ war eine in den 80ern in Frankreich weit verbreitete sprachliche Marotte. Ich war damals Studentin und ein wenig eingebildet. Wenn man seine Zeit in einer Dienstmädchenkammer unter dem Dach in Gesellschaft von Roland Barthes und Gilles Deleuze verbringt, ist man schließlich auch was Besseres, oder? „Auf dem Niveau von“ – so dachten wir – verlieh unseren Gedankengängen den noch fehlenden letzten Schliff. Sie klingen, knurrte Monsieur Jaby, unser Professor für französische Literatur, wie Liftboys, wenn sie in altmodischen Warenhäusern in jeder Etage das Sortiment ankündigen. Erstes Niveau: Abteilung Damenröcke, -blusen und -hosen! Zweites Niveau: Elektrogeräte! Damenmieder und Roland Barthes, Staubsauger und Gilles Deleuze . Klingt nicht gut. Vielleicht hatte er ja recht, der Monsieur Jaby.

Mit dem schönsten „mit Niveau“ schmückt sich meiner Meinung nach Elite-Partner. Es wirbt: Partnersuche für Akademiker mit Niveau. Der Ausdruck ist doppelt gemoppelt: „Akademiker“ suggeriert bereits ein gut gefülltes Bankkonto und mindestens einen Doktortitel, „mit Niveau“ ist noch das I-Tüpfelchen der sozialen Auszeichnung: Den Damen wird die Tür geöffnet (vielleicht der Handkuss? Ahh …), das Weihnachtsoratorium hört man Hand in Hand im Dom. „Mit Niveau“ schützt vor dem gesellschaftlichen Absturz, verhindert den Abrutsch vom Olymp in die Gosse. Man kann doch nicht einen Automechaniker, Spezialgebiet Getriebe, mit einer Doktorin in Kunstgeschichte, Spezialgebiet 15. Jahrhundert in Florenz, verkuppeln!

Elite-Partner bietet Flirtseminare mit Niveau an (eine Horrorvorstellung!) und „Fünf Tipps: Wie man eine Frau rumkriegt“. Hier muss ich heftig protestieren! Ich finde diese Ausdrucksweise einfach dreist, ja, ehrlich gesagt, unter Niveau! Wenn man Niveau hat, macht man den Hof, man erobert. Man schickt gepflegte, mit der Hand geschriebene Briefe, lädt in die Philharmonie ein, zu einem Sonntagsspaziergang in den Park Sanssouci, und manchmal wartet man und wartet und leidet vor sich hin. Ganz sicher kriegt man nicht „jemanden rum“. Seit ein paar Tagen versuche ich mir den Sex zwischen zwei Aspiranten von Elite-Partner vorzustellen. Wohl kaum eine entfesselte Bettgeschichte. „Mit Niveau“ schützt vor gewöhnlichen Trieben. Mit eingezogenem Bauch und reinen Phantasien im Geist, saust – aber ganz bestimmt, würde Monsieur Jaby sagen –, die Lust in den Keller.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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