Mon BERLIN : Mit Knigge im Zugrestaurant

Vom Tisch aufstehen, bevor alle mit dem Essen fertig sind – das war zu meiner Kinderzeit ein absolutes Verbot. Undenkbar, sich mit noch vollem Mund in sein Zimmer zu verdrücken und den Rest der Gesellschaft einfach sitzen zu lassen.

Pascale Hugues[Le Point]

Eine Regel, die ich immer willig befolgt habe. Ich hörte gern die Familiengeschichten, ich siebte die Unterhaltungen der Großen nach Geheimnissen und vertraulichen Geständnissen, die ich nicht verstand, die aber so schön anrüchig waren. Ich liebte es, wenn die ganze Sippe Stunde um Stunde bei warmen und leichten Gesprächen um den Tisch saß.

Niemals hatte ich Lust zum Aufstehen … außer wenn Tante Marguerite sonntags eingeladen war. Sie kam direkt von der Messe, mit ihrem kleinen Hut, ihrem Seidentuch, ihrem Maiglöckchenparfüm und ihrem ewigen Gejammer. Kaum hatte sie sich an den Tisch gesetzt, als sie sich schon in den endlosen Tunnel ihrer eintönigen und tristen Sätze stürzte. Ihre dünne weinerliche Stimme konnte den Geschmack selbst der köstlichsten Gerichte vertreiben. Und wenn sie sich beim Nachtisch aufregte, besprühte sie die Mousse au Chocolat mit feinen Spucketröpfchen. Ich hatte nur noch eins im Sinn: Weg von hier!

Ah, hätte ich doch die Möglichkeit gehabt, Tante Marguerite mitsamt ihrem kleinen Hut, ihrem Seidentuch, ihrem Maiglöckchenparfüm, ihrer schlechten Laune und ihren ermüdenden alten Geschichten in den Speisewagen mitzunehmen, in dem ich letzte Woche von Berlin nach Mannheim fuhr. Stellen Sie sich die Szene vor: Tante Marguerite redet, redet, redet. Aber meine Blicke entkommen durch das Fenster. Schon bin ich weit weg von diesem Tisch der Qualen. Ich renne, renne, renne. Auf meiner Flucht folge ich einem moosbedeckten Pfad in den tiefen Wald. Tante Marguerite hat nichts gemerkt. Alles hat sich abgespielt, ohne dass ich gegen den Knigge der Tischmanieren verstoßen und eine alte Dame respektlos behandelt hätte. Niemand muss sich ärgern. Und ich bin frei.

Im Speisewagen darf man essen und sich dabei bewegen. Dank dieser für Bahnreisende so gesunden Institution kann man den Langweilern und der öden Situation am Tisch auf diskrete, höfliche und raffinierte Weise entkommen, mit einem einfachen Trick: Der Po des Essers bleibt auf der roten Bank, wie es sich gehört. Die Landschaft dagegen läuft, flaniert, springt, rast an den Zugfenstern vorbei. Manchmal passt sie sogar zum Inhalt des Tellers. Als hätte die Deutsche Bahn einen Ausstatter beauftragt, Innen und Außen aufeinander abzustimmen: Nostalgisch gibt es drinnen Großmutters Rinderroulade mit Salzkartoffeln und Rote-Bete-Gemüse. Draußen: Kirchturm und kleines Dorf in einer Talmulde. Eine Platte mit Camembert, Morbier und Provolone drinnen. Eine Herde Kühe auf einer nebligen Wiese draußen. Die Scheibe filtert sogar den etwas strengen Geruch von Kuhfladen aus. Bio-Lachsfilet auf Karotten-Fenchelgemüse drinnen. Ein einsamer Angler in seinem Boot mitten auf dem See draußen. Probleme bereitet nur das Chili con Carne mit argentinischem Rindfleisch. Die sanfte Hügellandschaft in der Umgebung von Fulda eignet sich so gar nicht als Illustration dieses Gerichts voll Gewürz, Pfeffer, Feuer und Leidenschaft.

Ich habe sogar festgestellt, dass der Wagen nach meiner Bestellung von Rühreiern zu schaukeln und zu vibrieren beginnt. Die Kaffeelöffel rattern auf ihren Untertassen. Bei grünem Tee dagegen rollt eine lange und beruhigende Zenwoge durch den Speisewagen. Friedlich gleitet der Zug an gepflügten Feldern vorbei, an Bäumen mit Kupferblättern. Die Reisenden im Speisewagen entspannen sich, und ich höre, wie sie „Omm … omm ...“ anstimmen.

Während ich mich in diese Träumereien verliere, hat der Mann gegenüber an unserem kleinen Zweiertisch nicht eine Sekunde die Augen von seinem Blackberry gehoben. Mit sorgenvoller Stirn und von der Konzentration geröteten Wangen klimpert er darauf herum. Der Schweiß tropft von seinem für seine Jugend fülligen Gesicht. Noch kein einziges Mal hat er einen Blick auf die Landschaft vor unserem Fenster geworfen. Was würde er wohl denken, wenn er meine Gedanken lesen könnte? Was ist das für eine Bekloppte, die die Salatblätter auf ihrem Teller mit der Farbe der Wiesen draußen verwechselt! Mein Junkie-Mitpassagier ist in seinem digitalen Kosmos eingemauert. Kein Wort, kein Lächeln. Nur die frenetische Bewegung seiner dicken Finger auf den winzigen Tasten des Blackberry. Plötzlich vermisse ich Tante Marguerites Monolog.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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