Mon BERLIN : Mit Mamadou den Tag beginnen

Pascale Hugues[Le Point]

Wenn ich wie jeden Morgen mit dem Laptop an dem kleinen runden Tisch in meinem Berliner Café sitze und arbeite, ergreift mich häufig und ganz plötzlich der starke Wunsch, einfach das Weite zu suchen. Schnell eine leichte Tasche packen. Hinter mir die Tür schließen, die Treppe runterrennen und den erstbesten Langstreckenflug nehmen. Den Alltag hinter mir lassen, Berlin, das schon bald im Winter versinken wird – und weit weg fliegen, sehr weit weg. Kalkutta, Buenos Aires, New York, Hanoi … diese mythischen Städte, durch die ich Stunde um Stunde flanieren würde, die Nase in der Luft, ein Buch in der Tasche. Ein fast schmerzhafter Sehnsuchtsschub am frühen Morgen.

Glücklicherweise kenne ich ein radikales Gegengift für dieses Fernweh. Ich muss mir nur eine Flugzeugkabine am frühen Morgen vorstellen, und schon platzt mein Traum. Der Flug Köln-München um 7 Uhr etwa. In dem Moment, wo ich in Gedanken das Flugzeug betrete, ergreift mich ein Reflex: auf dem Absatz umkehren und nach Hause gehen. Der Tag ist noch nicht angebrochen. Nicht mehr als ein milchiger Streifen am schwarzen Himmel. Die Kabine ist gerammelt voll. Abgesehen von den Stewardessen sind fast nur Männer am Bord. Ihre Augen sind vom Schlaf verquollen. Ihre Körper sind noch ganz starr. Die Gehirne schlapp wie ein in der Speisekammer vergessener Blumenkohl. 186 halb offene Münder. 186 auf die Brust gesunkene Köpfe – wie welke Tulpen. Von Zeit zu Zeit schrecken sie hoch und fallen zur anderen Seite.

In den Morgenflügen ist die Welt schwarz und anthrazit. Als hätte ein Lappen alle anderen Farben des Regenbogens in einer einzigen Bewegung weggewischt. Würde man die Kabine von oben betrachten, könnte man glauben, man wäre mit der kompletten Schülerschaft eines englischen Internats auf Reisen: 186 Jungen in Schuluniform. Der gleiche schwarze Mantel, die gleichen schwarzen Schuhe und Strümpfe, der gleiche Lederkoffer, die gleiche elektronische Munition: Laptop, MacBook, iPhone, Blackberry, iPad. Heute Morgen Köln-Bonn (bringt mich allerdings weniger zum Träumen als New Yorks John-F.-Kennedy-Flughafen), heute Nachmittag München Franz-Josef-Strauß und heute Abend mit etwas Glück der letzte Flug nach Berlin-Tegel. Ein zwischen Meetings und Powerpointpräsentationen, zwischen Treffen und Verpflichtungen, Geschäftsessen und Sitzungen, zwischen Hotelzimmern und Flughafengängen zerhacktes Leben. Ein rasendes Leben. Ein Leben außer Atem.

Um zehn Uhr werden die Türen des Cafés aufgerissen. „Bonjour!“ Wie ein Deus ex Machina springt Mamadou auf die Bühne unseres Berliner Morgens. Wir sind ein Dutzend über unsere Monitore gebeugte oder in die Zeitung vertiefte Stammgäste. Wir heben die Köpfe. Mamadou ist da.

Wir sind komplett. Die Welt ist in Ordnung. Mamadou trägt eine gehäkelte weiße Baumwollkappe, glänzende Lackschuhe, einen Anzug mit perfekten Bügelfalten und ein Hemd in einem blendenden Blau. Ein Hemd, als würde der unendliche blaue Himmel Afrikas mit einem Schlag das öde Grau dieses Morgens zerreißen. Seine gigantische Ray Ban verschlingt das halbe Gesicht. Seine Lippen kleben am Blackberry. Er spricht laut. Mamadou bewegt sich mit federnden Schritten, grüßt die Stammgäste zur Rechten und zur Linken. Die gleiche elegante Handbewegung, die Königin Elizabeth II. ihren auf dem Bürgersteig aufgereihten Untertanen zuteilwerden lässt, wenn sie in ihrer Kutsche die Mall entlangfährt.

Mamadou stützt sich auf den Tresen. Er bestellt einen Kaffee. Wie jeden Morgen die Frage des Besitzers: „Wie geht’s heute, Mamadou?“ Und wie jeden Tag um 10 Uhr hebt Mamadou die Hände zum Himmel, in einer langsamen, fließenden, souveränen Geste. Mamadou wiegt den Kopf, schließt die Augen und sagt mit unendlich sanfter Stimme: „Tranquille!“ Alles ruhig!

Die ganze Weisheit der Welt findet sich in einem einzigen Adjektiv. Tranquille … Wozu sich abhetzen, sich aufregen. Warum nicht einfach damit aufhören, genau hier? Warum lässt man sich nicht einmal vom Strom des Lebens tragen, ohne dass man mit allen Mitteln versucht, ihn in seinem Lauf zu beeinflussen. Warten und auf sich zukommen lassen. Diesen kurzen gnädigen Moment genießen, mitten in unserer wohlwollenden Gemeinschaft. – Wie ich so an meinem Tisch sitze, denke ich an die 186 erschöpften Münder, die sich in den ersten Frühflügen gerade synchron öffnen. Ich bestelle einen zweiten Espresso. Ich dehne mich. Ich beobachte Berlin, das hinter den hohen Fenstern eilt und hetzt. Der Tag fängt gut an. Kalkutta und Hanoi müssen warten. Wir haben alle Zeit der Welt.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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