Meinung : MON BERLIN MoMA oder Gelato?

Pascale Hugues

Jeder muss hingehen! Es ist eine moralische Verpflichtung. Ein kulturelles Muss. Ein Zeichen der Zugehörigkeit zum Bildungsbürgertum dieser Stadt. Der Beweis dafür, dass man chic ist und gut erzogen. Die einzige Chance, bei mondänen Tischgesprächen mit Esprit zu glänzen.

Aber Vorsicht! Glauben Sie bloß nicht, Sie könnten einfach morgens nach dem Aufstehen, bloß weil Sie eine Laune überkommt, schnell in Ihre Klamotten schlüpfen, die Spree entlangschlendern und einen Überraschungsbesuch bei Monet einlegen. Von wegen. Eine Exkursion ins MoMA will so minutiös geplant sein wie eine militärische Übung. Pünktlich morgens um acht beziehen Bataillone beherzter Berliner entlang der Bürgersteige Stellung. Die Operation birgt mannigfaltige Risiken: Da gibt es Radfahrer, die wutentbrannt in die trägen Fleischmassen hineinrasen, die ihre Fahrradwege blockieren. Da droht dem, der es wagt, sich vorzudrängeln, der Lynchmord. Von Hunger und Durst ganz zu schweigen, obwohl überall entlang der Warteschlange profitgierige Kleinkapitalisten Kaffee und Würstchen zu astronomischen Preisen verkaufen.

Die Überbelastung der Wirbelsäule und des Fersenspanns sind auch nicht von der Hand zu weisen. Und dann der Zustand der Nerven nach zwei Stunden Schlangestehen! Man sollte für hinterher gleich einen Besuch beim Physiotherapeuten und mehrere Sitzungen autogenes Training einplanen, dazu Muskelentspannung und Meditation.

Ist man erst einmal in den Musentempel hineingelangt, raubt einem eine ganze Enzyklopädie von Verboten jede Lust an der Kontemplation. Das Verbot, die Ausstellung mit Mantel, Jacke oder Handtasche zu betreten. Das Verbot, sich den Bildern bis auf mehr als 80 Zentimeter zu nähern – Achtung, es wird Alarm ausgelöst! Das Verbot, nach dem sich nicht mehr als 1000 Menschen gleichzeitig in der Ausstellung aufhalten dürfen. Im einen Raum herrscht ein Verbot für Gruppen von mehr als 20 Leuten, im anderen müssen es mindestens 15 sein. Fotografieren ist verboten, essen und flirten ebenfalls, laute Unterhaltungen sowieso.

Als ich 13 Jahre alt war – ein Alter, in dem man sich den großen moralischen Fragen des Lebens zu öffnen beginnt –, stellte mich meine Tante, eine Sammlerin moderner Kunst, vor folgendes Dilemma: „Du hast in deinem Haus einen Picasso und eine Katze. Ein Feuer bricht aus. Was rettest du, den Picasso oder die Katze?“ Die Kunst oder das Leben? Das Genie oder die Kreatur? Das Schöne oder das Biest? Im Glauben, meiner Tante eine große Freude zu machen, entschied ich mich für Picasso. Ihren entsetzten Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen. Das Dilemma verfolgt mich nun schon seit Jahren, und heute, als ich mit dem Auto wieder einmal die Warteschlange vor der Neuen Nationalgalerie passierte, war es plötzlich wieder da.

Wieder mal packte mich die Gewissenskrise. MoMA oder Gelato? Monet oder die Eisdiele in der Maaßenstraße? Seerosen oder Hörnchen mit drei Kugeln? Erst die Moral oder erst das Fressen? Ich bin nicht mehr 13 Jahre alt, und diesmal fiel meine Entscheidung ohne Zögern: Erdbeer, Nuss und Amaretto. Glauben Sie mir, seit ich mich von der Tyrannei des MoMA befreit habe, lebe ich deutlich unbeschwerter. Keine MoMAlinsauren Pedanten mehr, keine arroganten VIPs, keine verschwendete Wartezeit. Und trotzdem eine erlesene Auswahl an Meisterwerken: Pistazie, Pannacotta, Mango, weiße Schokolade, geröstete Mandeln, Zimt …

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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