Mon BERLIN : Mona Lisa, mutterseelenallein

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Halten Sie sich fern von der Mona Lisa! Widerstehen Sie ihren Zauberkünsten! Lassen Sie sich vom Schwung ihrer Lippen nicht verhexen! Befreien Sie sich von dem Ehrgeiz, ihr jahrhundertealtes Geheimnis lüften zu wollen! Und vor allem – gehen Sie nicht an sie heran! Seien Sie vorsichtig! Diesen freundschaftlichen Rat gebe ich Ihnen für den Fall, dass Sie im Sommer durch Paris kommen.

Ein gefährliches Unterfangen, sich der Mona Lisa nähern zu wollen. Nichts für Mimosen, Klaustrophobiker oder Menschenfeinde. Ihnen drohen Sonnenstich, Ersticken und Nervenzusammenbruch, alles zugleich. Denken Sie an die zwei Stunden Schlangestehen in der Cour Napoléon du Louvre unter einer bleiernen Sonne ohne einen Zentimeter Schatten. Vor der Pyramide sind Gänge durch Kordeln abgetrennt, sie erinnern an die olympische Schwimmhalle in London. Nur dass die Athleten in London wie Delfine durch ihr blaues Becken gleiten. In der Cour Napoléon dagegen kommen die Besucher ebenso wenig vom Fleck wie schlappe Schnecken. Es gibt immer irgendeinen Schlawiner, der sich vordrängelt, weil er angeblich gerade eine neue Hüfte bekommen hat oder an einem Klumpfuß leidet, einen quengelnden Franzosen, der ausrasten will, wenn man ihn nicht vorlässt, und einen schlecht gelaunten Wächter, der sich mit seiner Uniform für einen General auf dem Schlachtfeld hält.

Nachdem Sie es durch das Eingangstor geschafft haben, sind Sie nicht mehr Herr Ihrer Bewegungen. Ein wenig so, als hätten Sie die Kontrolle über Ihren Körper verloren. Sie sind jetzt eher ein Hampelmann, der von einer kompakten menschlichen Woge fortgeschwemmt wird. Hunderte von Touristen in winzigen Shorts und Baseballkappen, in der Hand Wasserflaschen und Plastikfächer, im Mund Kaugummi, am Ohr das Handy, heben Sie vom Boden ab und schleppen Sie in ihrem Kielwasser mit. Heftig klackern die Flip-Flops auf den Steinplatten der langen Gänge. Herber Schweißgeruch. Wie eine Schlafwandlerin passieren Sie Paolo Uccello. Sie treiben an Mantegnas Heiligem Sebastian mit seinem von Pfeilen durchbohrten Körper vorbei. Sie taumeln durch einen Saal mit florentinischen Fürsten und ihren edlen Nasen. Eine exquisit gemalte Geburt Christi? Die schönsten Meisterwerke des 15. Jahrhunderts? Nichts da, mit gesenktem Kopf und auf den Boden und Ihre Füße gerichteten Augen kämpfen Sie sich weiter. Vor allem dürfen Sie nicht das Gleichgewicht verlieren. Wer fällt, könnte von der Menge zertreten werden. Nur beiläufig werfen Sie einen Blick auf die Venus von Milo, die ihren armlosen Körper am oberen Ende der großen Treppe wiegt. Sie haben ein einziges Ziel: die Mona Lisa.

Und plötzlich stehen Sie direkt vor einem lächerlich kleinen Bild. Fast eine Miniatur. Das ist sie? Die Mona Lisa? Aber die ist ja winzig! Eine Zwergin! Weniger als nichts! Was für eine Enttäuschung! Was hat man nicht alles auf sich genommen, und jetzt das! Hinter dickem Panzerglas, flankiert von zwei Aufsehern, ist die Schöne zusammengeschrumpft. Jenseits einer dichten Hecke von Köpfen erspäht man sie nur mit Mühe. Ja, offensichtlich ist die Mona Lisa genauso eingelaufen wie ein Kaschmirpullover in der heißen Wäsche. Bitte verzeihen Sie mir diese platte Hausfrauenmetapher. Aber die Enttäuschung ist einfach zu groß. Im Übrigen ist die Größe nicht so wichtig … ihr Lächeln ist legendär. Man hat es schon dermaßen oft gesehen, auf Kalendern, Pralinenschachteln, Flaschen mit Pflegeshampoo, ohne sich jemals den Grund erklären zu können.

„Ja, warum lacht die Mona Lisa? Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns, oder wie?“, fragte sich schon Theobald Tiger, alias Kurt Tucholsky, im Jahr 1928. Dieses Lächeln … Ist es denn wirklich ein Lächeln? Sind nicht eher die Mundwinkel etwas verkrampft? Ein nervöser Tic? Vielleicht lächelt die Mona Lisa gar nicht. Vielleicht will sie sich nur mit einer Grimasse vor der Menschenmenge schützen, die sie jeden Tag bedrängt, außer am Dienstag, wenn die staatlichen Museen geschlossen sind. An dem Tag lacht sie schallend, die Mona Lisa. Befreit.

Sehnsüchtig erinnere ich mich an nicht so weit zurückliegende Zeiten, als man noch ganz allein durch den in der Mittagszeit verlassenen Louvre flanieren konnte. Tout Paris war bei Tisch. In den hohen Sälen keine Menschenseele. Alle diese Schätze gehörten Ihnen, Ihnen ganz allein! Einige Pariser Damen aus einer anderen Zeit klapperten mit den Absätzen ihrer schwarzen Lackpumps über die Marmorplatten. Amerikanische Ehepaare, sehr East-Coast, schienen die Gemälde einzusaugen. Mit der Brille auf der Nase gingen sie ganz dicht heran. Ein gelangweilter Museumswärter döste vor der Mona Lisa. Sie lächelte in sich hinein. Mutterseelenallein.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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