Mon BERLIN : Nachmittags, in einem Lichtspielhaus

Man sollte das Kino verlassen, wenn man im falschen Film ist

Pascale Hugues[Le Point]

Vor ein paar Tagen habe ich mir im Kino „Das weiße Band“ von Michael Haneke angesehen. Welch ein Luxus: mitten am Nachmittag, wenn alle anderen noch arbeiten, in einem abgeschabten Plüschsessel zu versinken. Es ist 17.30 Uhr, der Saal ist fast leer. Zwei schwarze Silhouetten tasten sich durch das Halbdunkel. Ein altes Paar, verwirrt, weil sie zu spät sind. Sie wohnen weit weg. Der Bus hatte Verspätung. Genau hinter mir lassen sie sich in ihre Sitze fallen. Und brauchen eine Ewigkeit, um sich von ihren Schals, Mützen, Handschuhen und Mänteln zu befreien. Endlich sind sie so weit, reglos und vor allem stumm sitzen sie da. Aber außer Atem. Ich höre sie schnaufen und husten wie einen Auspuff.

Plötzlich kommentiert Madame mit lauter Stimme. „Komisch … dat habe ick nöcht erwartet!“ Sicher haben sie sich vom Untertitel täuschen lassen: „Eine deutsche Kindergeschichte.“ Sie haben blonde Zöpfe und Pausbacken erwartet, Weihnachten im Schnee und Omas Apfelkuchen, viel Unschuld und viel Kitsch. Eine deutsche Kindheit eben, wie sie in der kollektiven Bilderwelt verankert ist. Aber vier Meter vor ihren verschreckten Augen spielt sich ein ganz anderes Szenario ab: protestantische Verklemmtheit, sadistische Väter, kalte Mütter, grausame Kinder, ärmliches Landleben, drohender Krieg. Bedrückte Seufzer auf den Plätzen hinter mir. Und plötzlich die Revolte: Wer wagt es, die süßen Kindheitserinnerungen derart zu besudeln! „Unmöglich! Ick glob, ick bin im falschen Film!“, schreit die Dame und stopft sich zur Beruhigung ein Karamellbonbon in den Mund. Den Rest des Films ist sie damit beschäftigt, die klebrige Masse mit der Zungenspitze immer wieder von ihrem Gaumen zu lösen. Ich bin im falschen Film … Ich liebe diesen deutschen Ausdruck, der den Schrecken, die Entfremdung in einer falschen und unverstandenen Situation so gut wiedergibt. Ja, die beiden sind tatsächlich auf den falschen Sesseln gelandet. „Es führt kein Weg dran vorbei!“, bestimmt der Ehemann unversehens, mit einer Stimme wie ein Feldwebel, der von seinem Regiment keinen Widerspruch duldet. Ich stelle mir vor, wie Madame aufspringt und Habtachtstellung einnimmt. Madame würde lieber in einem Café auf dem Ku’damm ein Gläschen Eierlikör zu sich nehmen oder zu Hause das Ende von „In aller Freundschaft“ sehen. Diese aufopferungsvollen Ärzte und einfühlsamen Krankenschwestern findet sie so viel sympathischer als Hanekes Truppe. Madame rührt sich auf ihrem Platz, fummelt in ihrer Tasche herum. Sie hat nur einen Wunsch: gehen. Aber für Monsieur kommt es nicht infrage, das Geld aus dem Fenster zu werfen und sich geschlagen zu geben. Die Eintrittskarte ist bezahlt. Mit der Gattin im Schlepptau wütend aus dem Kino rennen – das käme der Kapitulation gleich. „Da müssen wir jetzt durch!“, befiehlt er. Eine Sekunde lang frage ich mich, ob nicht gerade der Pastor aus dem Film gesprochen hat. Und weil das nach einer endgültigen Entscheidung klingt, schiebt Madame sich resigniert einen zweiten Bonbon in den Mund.

Es führt kein Weg dran vorbei … ein wichtiger Begriff, will man die deutsche Psyche verstehen. Ich mag diesen Ausdruck nicht, er ist das Gegenteil der Willensfreiheit. Er sperrt uns in den engen Korridor des Zwanges. Eine Wahlmöglichkeit gibt es nicht. Man fühlt sich wie ein Tier in der Falle. Außerdem klingt „daran“ immer nach Prüfung. Keine Freude. Man muss immer weiter. Keine Chance zurückzugehen oder einen Pfad zu finden, der uns in einem Bogen um die Situation herumführt. Das Leben ist eine gerade Linie, ohne Ausweg, ohne Abkürzung, ohne die Möglichkeit, sich aus einer unangenehmen Sackgasse zu befreien. Diese Philosophie der festgelegten Route verurteilt zur Passivität. Man muss sich nichts einfallen lassen, braucht sich keine neuen Lösungen auszudenken oder Alternativen zu basteln, die das Leben leichter machen. Ich höre sogar eine leise Stimme, wie sie moralinsauer und mit einem sadistischen Anflug sagt: Das wird ihm eine Lehre sein! Es schadet ihm gar nichts, wenn er mal ein bisschen gezwiebelt wird!

Und dabei … dabei ist es so wichtig, dass man auch mal die Richtung wechselt, dass man aufgibt, wenn man festsitzt. Nicht beharren. Das Kino verlassen, wenn man im falschen Film ist. Ich hätte es jedenfalls viel angenehmer gefunden, den Film ohne Tiraden aus der Reihe hinter mir anzusehen, ohne die Schmatzgeräusche des unerträglichen Karamellbonbons, das am Gaumen meiner Nachbarin klebte.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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