Mon BERLIN : Politisch korrekte Seife

SS gibt es nicht, nur Doppel-S. "Neger" auch nicht mehr. Eines ist den deutschen Wortwäschern dann aber doch durchgerutscht. Ein Kommentar

von
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

In diesem Land gibt man sich große Mühe, die Sprache von den giftigen Erinnerungen der Vergangenheit zu befreien. Ein paar Beispiele für die sonderbaren Verzerrungen, die mir in den letzten Jahren aufgefallen sind:
Diktat in der Schule meiner Kinder. Die Lehrerin fordert meinen Sohn auf, das Wort „MASSE“ zu buchstabieren. M.A.SS.E buchstabiert der Kleine und ist stolz, dass er die genaue Schreibweise kennt. Nein, nein, nein, schimpft die Lehrerin, nicht SS, sondern Doppel-S. Das Kind ist perplex. Beim Abendessen muss der Code entschlüsselt werden. Hitler, die Elitetruppen des „Dritten Reichs“, die langen Schatten der deutschen Katastrophe, die Scham der Nachkriegsgenerationen. So viel Tamtam wegen zwei siamesischen Konsonanten, die in aller Unschuld zusammenkleben.

Was für ein Glück haben wir Franzosen

Die verkrampfte Diskussion um das Wort „Neger“, von denen die Konditoreien, die Bibliotheken, die Kinderbücher, die Überlieferungen mühsam gereinigt wurden: Kein Negerkuss, kein kleines Negerlein, kein Negerkönig … alles glatt und fade, damit man unter gar keinen Umständen eines unterschwelligen Rassismus bezichtigt wird!
Und der in meinen Augen lächerlichste Kreuzzug von allen: das so vertraute „man“, das die Hüterinnen des Gendergrals durch ein „frau“ ersetzen wollen, um das Kräfteverhältnis zwischen Männern und Frauen umzukehren. Was für ein Glück haben wir Franzosen – bei uns gibt es das geschlechtslose Wörtchen „on“, neutral und praktisch. Es laviert zwischen männlich und weiblich und ärgert niemanden.
Mit einem Wort, diese große Wäsche mit der politisch korrekten Seife, mit der Sprache und Denken gesäubert und die Spuren der Vergangenheit, ob nazistisch, rassistisch oder sexistisch, restlos beseitigt werden sollen – sehen Sie sich nur einmal an, wie die selbst ernannten Linguisten die Wörter rubbeln und die Phrasen auswringen, damit sie schneeweiß erstrahlen und jeder unanständige Fleck ausgemerzt wird.

„Komm ins Auto, Simone, ich fahre, du hupst!“

Ein Wort jedoch ist den Sprachpolizisten durch die Maschen geschlüpft. Ein in meinen Augen viel anstößigeres Wort als der „Neger“ in den alten Geschichten oder das herrische „man“: Diese Woche war ich in einem Geschäft für Schulbedarf. Zwischen den Regalen mit Heften und Ordnern sehe ich ein kleines Mädchen von höchstens acht Jahren. Das Kind trödelt herum. Es ist in seiner eigenen Welt. „Abmarsch!“, schmettert plötzlich eine Stimme. Die blass gewordene Kleine erstarrt, um sich sogleich in Bewegung zu setzen und seiner Mutter zur Kasse zu folgen. Der herrische Befehl hat mich zusammenzucken lassen. Von wem kam er? Von einem jener Feldwebel, die die Kriegsfilme meiner Kindheit in den 70er Jahren bevölkerten? Ich drehe mich um. Hinter mir eine schlanke, drahtige junge Frau mit blondem Pferdeschwanz und Slim Jeans. Ihr pink angemalter Mund hat das Kommando aus einer anderen Zeit ausgestoßen. Ich bin baff.


Was für ein heimtückisches Wort ist doch der „Abmarsch“! Wie konnte er den Inquisitoren durch die Lappen gehen? Und wieso hat diese junge Frau, die sicher Doppel-S schreibt und einen „Neger“ als einen „Mitbürger afrikanischer Herkunft“ bezeichnet, das nicht bemerkt? Ah, ah, wie vorsichtig sie auch sein mag, wie grotesk sie sich bei dem Versuch, ideologisch unkorrekte Klippen zu umschiffen, auch verrenken mag– sie hat einen messerscharfen Eisberg übersehen. Ein Relikt einer autoritären Militärsprache. Abmarsch! ist, mit Verlaub, alles andere als korrekt. Nicht das Wort an sich schockiert mich. Abmarsch ist ein Militärkommando und völlig berechtigt, wenn es auf dem Kasernenhof an eine Truppe Männer im Kampfanzug gerichtet wird. Nein, mich schockiert der Kontext, in dem es verwendet wird. Wenn damit ein kleines Mädchen angesprochen wird, das nach einem anstrengenden Schultag ein bisschen vor sich hin träumt. Sie hat nichts angestellt – sie bockt nicht, sie rebelliert nicht, sie stellt sich nicht taub, sie quengelt auch nicht … sie nimmt sich nur ihre Zeit. Als Abmarsch! ertönt, erstarrt sie einen Moment. Fast erwarte ich, dass sie strammsteht, um dann wegzutreten und im Gänsemarsch zur Kasse vorzustoßen.
Ich rate zur Wachsamkeit. Und als Alternative schlage ich die hübsche französische Redensart vor: En voiture Simone, c’est moi qui conduit, c’est toi qui klaxonne!, wörtlich übersetzt: „Komm ins Auto, Simone, ich fahre, du hupst!“, und im übertragenen Sinn: „Komm mal in die Puschen!“ Das kleine Mädchen wäre lachend aus seinen Träumen erwacht. Es hätte sich im Tanzschritt zur Kasse bewegt. Es würde die Gnade des Humors, die stärkste Form der Katharsis, erleben. Und beim Abendessen müsste das „Dritte Reich“ nicht über den Esstisch marschieren.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

16 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben