Meinung : MON BERLIN Sankt Moritz im Grunewald

Pascale Hugues

Dies ist eine Liebeserklärung: eine Liebeserklärung an den Berliner Winter. An jene Zeit des Jahres, in der die Nacht schon um drei Uhr nachmittags anbricht und der Tag zu einem winzigen Fetzen blassen Tageslichts zusammenschnurrt. In der die nackten Statuen in den Parks ihre Blößen unter Holzverkleidungen verbergen. In der Kandis, Zimt und Gewürznelken die Stadt mit dem Aroma eines orientalischen Basars umwehen. Und in der der herbe Geruch von Kohle den Hinterhöfen des Prenzlauer Bergs die Aura einer Bergarbeitersiedlung aus den Anfängen der industriellen Revolution verleiht. Die Zeit, in der ein tyrannisches „Oh Tannenbaum" in allen Läden die Berliner bis in ihre Träume hinein verfolgt. Mit ihren phosphoreszierenden Girlanden und blinkenden Sternen verwandelt sich die Stadt jedes Jahr in einen gigantischen Luna-Park. Und in unserem Viertel liefern sich die Amateur-Innenausstatter ihren jährlichen Wettbewerb: Der dezente anthroposophische Strohstern in der dritten Etage tritt gegen die Parade grinsender Weihnachtsmänner auf dem Balkon in der ersten an. Und jedes Jahr fahren die Wettbewerbsteilnehmer schwerere Geschütze auf: Sie wollen alle Farben! Sie wollen, dass es blinkt und glitzert! Sie wollen Tannenzweige aus Nylon, die das ganze Jahr halten! Und Spraydosen mit Kunstschnee! Und einen vulgären kleinen Plastik-Jesus, der in allen Farben des Regenbogens fluoresziert! Oder einen neurotisch blinkenden Schneemann, der die ganze Nacht lang automatisch an- und ausgeht! Der einen in den Wahnsinn treibt! Wunderbar!

In Berlin ähnelt der Winter einer gespenstischen Begräbnisprozession. Düstere Särge werden auf Autodächer geschnallt und verstopfen die Autobahnen in Richtung Alpen. Aber warum sich in der Schweiz ruinieren, wenn ein kostenloses Après-Ski direkt vor der Türschwelle wartet? Nach einer heißen Hühnersuppe streckt man sich auf einem Liegestuhl vor dem Bistro am Schlachtensee aus, eng eingewickelt in eine Wolldecke, die Ray-Ban-Brille der Sonne zugewandt, wie auf der Terrasse einer Berghütte in 2000 Metern Höhe. Im Grunewald dagegen geben sich die Berliner seltsamen Gebräuchen hin: Einige laufen mit nackten Füßen über den gefrorenen Boden, um sich abzuhärten, andere trotten mit Bergschuhen an den Füßen und einem Skistock in jeder Hand durchs Unterholz – allerdings ohne Skier. Mit zusammengebissenen Zähnen geben sie sich selbst den Takt vor: „Eins, zwei, eins, zwei". Das Tempo ist energisch, der Sinn für die eigene Lächerlichkeit nahe null. Trainieren diese Helden des Sports für den großen Slalom von Sankt Moritz? Sie erinnern vage an eine Gruppe von Burkinabos, die ich in Bobo-Dioulasso dabei beobachten konnte, wie sie aufrecht im Kreis stehend energische Brustschwimmzüge simulierten. Auf meine Frage nach dem Sinn ihrer Tätigkeit bekam ich zu hören: „Wir lernen schwimmen!" Während sie fleißig die Luft in Stücke hackten, glaubten sie mit unerschütterlicher Naivität daran, dass die gleiche Technik sie eines Tages vom einen Ufer des Schwimmbads zum anderen tragen würde. Geben sich die virtuellen Berliner Sportler der gleichen Illusion hin? Im Berliner Winter ist alles möglich.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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