Meinung : MON BERLIN Stadt in Watte

Pascale Hugues

Wenn der erste Schnee fällt, wird das strategische Talent jeder Großstadt auf die Probe gestellt. Die Berliner sind Meister der Effizienz: Mit gezielten Schaufelstreichen neutralisieren sie jedes bisschen Glatteis. Die Straßen werden mit Granulat gestreut, weil die Ökologen im Senat alle Eventualitäten in Betracht ziehen: Streusalz könnte Bäume, Hundepfoten und nigelnagelneue Leder-Pumps ruinieren. Das Leben geht weiter, wenn auch weiß getönt und deutlich verlangsamt.

In unserem besonders eifrigen Mietshaus beginnt der Kampf gegen das Unwetter bereits nachts um halb zwei: Ausstaffiert mit schwerer Tweedmütze kratzt der Hausmeister die zwei Zentimeter Schnee zusammen, die es wagten, sich auf dem Hinterhof anzusammeln. Mit methodischer Strenge schaufelt er einen schmalen Fußweg quer über den Hof frei. Nichts kann seine preußische Entschlossenheit erschüttern: weder die Tatsache, dass sein Werk noch vor dem Morgengrauen von Neuschnee zunichte gemacht werden könnte; noch, dass das Risiko, der Briefträger (der gewöhnlich nicht vor Mittag auftaucht) könnte sich beim Ausrutschen ein Bein brechen, zu dieser Tageszeit gleich null ist. Auch nicht, dass sein höllisches Kratzen alle Mieter aufweckt. Als ich meinen verwuschelten Kopf aus dem Fenster recke, um ihn daran zu erinnern, dass rechtschaffene Menschen zu dieser vorgerückten Stunde ein Recht auf Ruhe haben, sieht er mich mit einem Blick an, in dem absolute Rechtsgewissheit liegt, und betet mit flüsternder Stimme die Bestimmungen herunter, an die jeder Hauseigentümer nun mal gebunden sei.

Ich krieche wieder unter die Bettdecke und erinnere mich daran, wie London in vollkommenem Chaos versank, als ich die Stadt zum ersten und einzigen Mal unter einer dichten Schneedecke erlebte. Es war der Winter nach Dianas Hochzeit. Schon die erste Schneeflocke legte sämtliche Züge und U-Bahnen still. Die Pendler standen mumifiziert auf den Bahngleisen. Wo die Berlinerinnen, ohne sich um Eleganz zu scheren, in groben Bergstiefeln herumstapfen, drehten die fein beschuhten Engländerinnen unfreiwillige Pirouetten auf den Bürgersteigen, wie Azubi-Eisprinzessinnen, deren Füßchen in Sandalen und dünnen Nylonstrumpfhosen festgefroren sind. Und wo die frostgeschwollenen Londoner Abflussrohre gerne mal platzen, ist die Berliner Kanalisation eingemummelt in thermische Schutzumhüllungen.

Das vage Gefühl, dass mein Berliner Hausmeister nur bemüht ist, mich vor einem Albtraum à la London zu bewahren, wiegt mich in den Schlaf. Ein paar Stunden später erwacht Berlin in dichtem Nebel. Der Kirchturm am Ende der Straße ist verschwunden, man sieht keine drei Meter weit. Selbst mein Kopf fühlt sich wattiert an, was wohl eher der kurzen Nacht zuzuschreiben ist. Ich klettere in ein Taxi: „Zum Kanzleramt, bitte.“ Zwei Minuten Stille. Schließlich wendet mir der Taxifahrer seine rotgeäderten Augen und den Dreitagebart zu. „Kanzleramt, … det is doch gegenüber vom Reichstag, oder?“ Ist es der Nebel oder ein frühzeitiger Fall von Alzheimer? In jedem Fall hat der gute Mann den falschen Beruf gewählt. Berlin mit seinen 15 000 Straßen wirkt plötzlich wie ein unbesiegbares Labyrinth. Als das Taxi schließlich wie durch ein Wunder in die Zielgerade vor dem Reichstag einbiegt, fällt der erleichterte Blick des Fahrers auf die Waschmaschine der Macht: „Hier, wa?“ Misstrauisch beäugen die Bundesgrenzschutzbeamten das seltsame Gespann, das aus dem Nebel hervorkriecht. Als das Taxi wieder abfährt, ist der Nebel einem babyblauen Himmel gewichen, und der Schnee ist geschmolzen.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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