Mon BERLIN : Über Goethe gehen, auf Balzac treten

Sie liegen wild durcheinander zwischen Straßenlaternen und Rinnstein - ein paar Buchseiten. Sie erzählen eine wirre Geschichte. Ein Buch wie ein Puzzle. Ohne Chronologie. Ohne roten Faden.

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Das ist weder Goethe noch Balzac. Es sind Schnipsel aus Stasi-Akten, die rekonstruiert werden.
Das ist weder Goethe noch Balzac. Es sind Schnipsel aus Stasi-Akten, die rekonstruiert werden.Foto: dpa

Als ich vor ein paar Tagen abends aus der U-Bahn kam, fiel mein Blick auf einen Schwarm kleiner Rechtecke aus Papier. Flugblätter, die aus dem Himmel gefallen waren? Einwickelpapier von Süßigkeiten, die ein Fußgänger achtlos auf den Boden geworfen hatte? Ich bückte mich, um sie aufzuheben, und stellte fest, dass es sich um Buchseiten handelte. Der Einband hatte sich aufgelöst. Sie lagen wild durcheinander zwischen Straßenlaternen und Rinnstein, manche waren schon von den Füßen eiliger Passanten zertreten worden. Andere waren in die Blumenbeete der Vorgärten gesegelt. Zweifellos warteten sie auf die Besen der Straßenkehrer im Morgengrauen.

Ich hob sie alle miteinander auf, stopfte sie in meine Handtasche und versuchte zu Hause, die wirre Geschichte zu rekonstruieren, die sie mir zu erzählen versuchten. Ein Buch wie ein Puzzle. Ohne Chronologie. Ohne roten Faden. Es waren nur noch Absätze ohne Anfang und Ende, Satzstücke, zusammenhanglose Wortgruppen.

Wer hat die Seiten auf dem Gehweg verstreut?

Seite 179, von der Feuchtigkeit gewellt: „Tom hatte ihr nur versprochen, dass er vorbeischauen und sich das Pferd noch einmal ansehen würde.“ Seite 387 atmet Liebeskummer, schlaflose Nächte: „Seit Graces Rückkehr hatte er keine Gelegenheit mehr gehabt, mit Annie allein zu sein, und er empfand ihre Trennung wie einen grausamen, körperlichen Schnitt.“ Auf Seite 132, Kapitel 10, mussten ganze Regengüsse niedergegangen sein. Das völlig zerknautschte Papier war von bräunlichem Schlamm verkrustet. Und auch sonst nicht gerade appetitanregend: „Tom legte seinen Arm über den plastikbezogenen Rücksitz und sah seinem Sohn zu, der hinter dem Tresen des Diners Hamburger briet.“ Auf Seite 374 wird es plötzlich etwas prickelnder. Die Andeutung einer erotischen Szene? „Ich dachte, damit sei ein Verbot körperlicher Lust gemeint?“ Eine Aufwallung von Sinnlichkeit, die auf Seite 395, Kapitel 35, abrupt endet. Und in einer gewagten Metapher versinkt: „Annie fühlte sich wie ein im Schlamm gefangenes Geschöpf, das die Welt vom Grunde eines Teiches aus betrachtete.“ Leider weiß ich nicht, was sich zwischen Seite 374 und Seite 385 abspielt. Der Wind hat diese Blätter weggefegt.

Ein Kitschroman für traurige und einsame Frauen?

Wer hat die Seiten auf dem Gehweg verstreut? Ein kleiner Däumling, der gehofft hat, im Gewirr der Großstadtstraßen seinen Heimweg zu finden? Eine Frau, die so eilig auf den Schlund der U-Bahn zugelaufen ist, dass sie nicht bemerkt hat, wie das Buch ihr aus der Handtasche gerutscht ist? Oder eine angeödete Leserin, die das tödlich langweilige Buch lieber in der Gosse entsorgt hat? Hat eine Windbö die Seiten einem gierigen Leser aus der Hand gerissen? Ist er ihnen nachgelaufen, im vergeblichen Bemühen, die Geschichte wieder zusammenzusetzen, von der er ganz wörtlich den Faden verloren hatte?

Ich konnte das Buch nicht identifizieren. Ein Jugendbuch (Pferde weisen fast immer auf diese Literaturgattung hin)? Ein Kitschroman für traurige und einsame Frauen? Ein Schmöker, literarisches Fastfood, den man verschlingen kann, wenn man in der U-Bahn steht? Ein Taschenbuch. Es hat sich verirrt und wird nie mehr auf die Regalbretter einer Bibliothek zurückfinden, ordentlich zwischen zwei Gefährten einsortiert.

Balzac würde Père Goriot begegnen und Goethe seinem jungen Werther

Jedenfalls erkenne ich nicht die Handschrift eines berühmten Autors. Stellen Sie sich Goethe und Balzac vor, wie sie durch die Straßen laufen, in Pfützen springen, im Gebüsch Versteck spielen. Wie sie sich an Hauswänden entlangdrücken, über U-Bahn-Rolltreppen wirbeln. Stellen Sie sich vor, wir könnten über Goethe gehen und auf Balzac treten, sie mit dem Absatz zerquetschen, sie zerreißen, ohne sie zu sehen. Da bricht Bibliophilen der kalte Schweiß aus. Und doch gefällt mir der Gedanke an Bücher, die sich in den großen Städten herumtreiben. Goethe und Balzac als Obdachlose. Sie haben ihre Ketten zerrissen und sind aus den steifen bürgerlichen Bibliotheken geflohen. Sie stürzen sich ins Abenteuer, strolchen durch die Gegend und kehren in die Welt der Lebenden, die Welt ihrer Protagonisten zurück. Balzac würde Père Goriot begegnen und Goethe seinem jungen Werther. Mein Gott, auf den Berliner Straßen ist wirklich was los!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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