Mon BERLIN : Verbotene Äpfel

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Jeden Tag einen Apfel essen. Sommers wie winters. Ein schlichtes und gesundes Ritual. Schon morgens wird man mit Antioxidantien, Ballaststoffen und Vitaminen versorgt… „An apple a day keeps the doctor away“, das alte Sprichwort. Dank diesem kleinen Ritual, so meine Überzeugung, kann man den Tag gut beginnen und tut niemandem weh.

Wie konnte ich so unkritisch sein und die Sünde übersehen, die sich hinter diesem unschuldigen Vergnügen verbirgt!

Im Juli finden die Marktbesucher in den Obst- und Gemüsekisten nur noch ein paar verrunzelte, schlaffe, traurige Äpfel. Ladenhüter, die den Winter gerade so überlebt haben. Kein Mensch möchte seine Zähne da hineinschlagen. In Berlin ist gerade keine Apfelzeit. Wie sehr habe ich mich also gefreut, als ich in einem Reformhaus einen großen Korb mit roten, glänzenden, festen, saftigen, knackigen Äpfeln fand. Schnell füllte ich eine ganze Papiertüte damit.

„Leider sind sie nicht aus Deutschland“, vertraut mir die Verkäuferin schuldbewusst an. Sie senkt den Blick und reicht mir eilig die Ware über die Ladentheke, als würde sie etwas Verbotenes tun, als würde sie heimlich mit Kokain dealen. Habe ich es hier mit einer Ultra-Xenophoben zu tun, die sich ausschließlich von Produkten „Made in Germany“ ernährt? Selbst nach so vielen Jahren brauche ich eine kurze interkulturelle Gymnastik, um zu verstehen, was sie mir sagen will.

„Aber das sind doch Bio-Äpfel, oder nicht?“

„Aber selbstverständlich!“, ruft sie; schon die Frage ist eine Provokation. „Nicht gespritzt und nicht genmanipuliert. Wofür halten Sie mich denn?“ Und kleinlaut flüstert sie: „Aber sie kommen aus Neuseeland…“

In Neuseeland hat gerade die Sonne den ganzen Sommer geschienen. Auf der anderen Seite der Erde ist der Herbst vorbei, und die Äpfel sind schön reif. Sie schmecken gut. Ist das nicht Grund genug, ein paar zu kaufen?

„Das ist nicht gerade ökologisch, was wir da machen.“ Und sie deutet mit dem Kinn auf eine Kiste Bananen, eine weitere Ursache für ihre moralische Zerrissenheit, zwischen den Regalen mit Keksen ohne Zucker und Hefe und glutenfreiem Brot. „Bananen wachsen auch nicht in Deutschland…“

Ich stelle mir die Bataillone von Veganern und dogmatischen Vertretern einer naturbelassenen Ernährung vor, wie sie auf dem Absatz kehrtmachen und den Boykott über dieses abtrünnige Geschäft verhängen. Und ich bin mir sicher, dass die Verkäuferin sich nachts ruhelos in ihrem vom schlechten Gewissen ganz zerwühlten Bett wälzt. Ich sehe sie vor mir, wie sie im Kopf die Spritkosten überschlägt. Ich sehe, wie vor ihrem inneren Auge die bei der Apfel- und Bananenernte ausgebeuteten und unterbezahlten Arbeiter vorbeidefilieren, Kinder womöglich!

Im Grunde hat sie recht. Obst und Gemüse müssen in der Saison gegessen werden. Nichts Schlimmeres als die harten, sauren kleinen Erdbeeren von weiß Gott wo, für die man in der Weihnachtszeit ein Vermögen hinlegt. Sie haben eine widernatürliche Reise hinter sich, wenn sie von ihren fernen Treibhäusern auf unsere nordeuropäischen Teller gelangt sind. Sie haben nicht das geringste Aroma. Und auf gar keinen Fall schmecken sie wie die Erdbeeren, die in unseren Breitengraden ruhig im Garten reifen durften.

Sobald ich wieder draußen bin, beiße ich in den verbotenen Apfel und fühle mich ein wenig wie Schneewittchen und Eva zugleich, zwei Naive, die den vergifteten Apfel angenommen haben. Doch im Gegensatz zur Prinzessin aus dem Märchen sinke ich nicht leblos auf den Bürgersteig, und ich werde auch nicht wie Eva aus dem Paradies vertrieben. Im Gegenteil! Seit die Verkäuferin mich gewarnt hat, haben die neuseeländischen Äpfel einen köstlichen Beigeschmack von Verbotenem, was sie nur noch viel köstlicher macht. Und ich frage mich, wie viele Neuseeländer in den Hundstagen wohl ihre Lust auf deutschen geschmorten Rotkohl befriedigen?

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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