Mon BERLIN : Verbotene heimliche Wonnen

Pascale Hugues[Le Point]

Eine kleine, diskret in meiner Berliner Küche verspeiste Drosselpastete hat bei einer Reihe von Lesern donnernden Zorn ausgelöst. „In welcher Zeit leben Sie eigentlich? Demnächst werden Sie uns noch beschreiben, wie anbetungswürdig Nachtigallenzungenragout schmeckt (das wurde bei römischen Fressorgien gern aufgetischt)“, schreibt mir eine Leserin ganz außer sich. Eine andere wirft mir vor, „unmoralische und politisch unkorrekte“ Gerichte zu verzehren und kündigt mir die Liebe auf.

Meine Übersetzerin hatte völlig recht, als sie mir empfahl, die unanständige Drosselpastete durch eine unschuldige Leberpastete zu ersetzen. „Sonst bekommst du Dutzende böse Briefe!“ warnte sie mich. Ich wollte ihren Rat nicht befolgen. Und so wurde ich bestraft. Ich, die ich jahrelang Vegetarierin von der fundamentalistischen Sorte war, werde des Singvogelkannibalismus bezichtigt, das ist doch wohl die Höhe!

Seit ein paar Tagen geht mir eine grundsätzliche Frage im Kopf herum. Warum ist Drosselpastete ein Skandal, ein Schweinebraten oder ein Rindergulasch dagegen allgemein akzeptiert? Ist es grausamer, einen kleinen Vogel zu töten als ein Schwein oder ein Rind, also Säugetiere? Vielleicht, weil ein Vogel niedlicher ist als ein großes, schlecht riechendes Tier?

Oder, um in derselben Klasse zu bleiben: Warum ist es moralisch erlaubt und politisch korrekt, ein Hähnchen oder eine Weihnachtsgans zu essen? Ich war gerade in Berkeley, ein Paradies für diese aufgebrachten Berliner, die sich dort sicher sehr wohl fühlen würden. Im „Vegi House Restaurant“ an der berühmten Telegraph Avenue, wo in den sechziger Jahren Straßenschlachten gegen den Vietnamkrieg stattfanden, mahnt ein Schild auf dem Tisch: „Aus Respekt für alle Lebewesen sind wir stolz darauf, unsere Gerichte ohne Fleisch, Geflügel, Fisch, Eier und Glutamat zu servieren.“

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich in Kalifornien niemandem meine Schwäche für Drosselpastete gebeichtet habe. Niemals wäre ich mit dem Leben davongekommen. Drosseln sind eine Spezialität der Provence. Im Sommer saßen meine Großtanten unter der Pergola und rupften Drosseln. Sie tauschten Dorfklatsch aus. Manchmal sangen sie Kanons. Eine schöne Erinnerung an Sommerabende. Die Drosseln gehören auch zur Lektüre meiner Kindheit. Jean Giono, Marcel Pagnol beschreiben die mit Fallen gewilderten Drosseln. Im Morgengrauen folgte der kleine Marcel seinem Vater auf die Jagd in die Garrigue, die Strauchheide.

Ja, ich gebe es zu. Weder meine provençalischen Großtanten noch Marcel Pagnol verhielten sich politisch richtig. Aber wie gut ging es mir in ihrer Gesellschaft.

Und was würden Sie von einem Präsidenten der Republik halten, der sich von seinem Chauffeur heimlich ans andere Ende von Paris bringen lässt, um, vor den Blicken seines Volkes geschützt, in einem kleinen Restaurant Fettammern zu verzehren? Zweifellos waren die für ihr zartes Fleisch berühmten Fettammern François Mitterrands Leibspeise, weil sie traditionell den französischen Herrschern serviert wurden. Ein illegales Vergnügen, denn seit 1999 ist die Jagd auf diese vom Aussterben bedrohten Vögel verboten. Es gibt nur noch 15 000 Fettammernpaare.

Stellen Sie sich doch mal vor, Christian Wulff würde sich bis ins hinterste Moabit fahren lassen, um insgeheim kleine, zarte, wehrlose Vögel zu essen! Grund für die sofortige Abdankung.

Lang ist die Liste der schuldhaften Genüsse in meinem Land: Tauben, Schnepfen, Drosseln, Amseln in Südfrankreich, Foie gras im Elsass. Langusten, die lebend ins kochende Wasser geworfen werden. Schnecken, diese armen kleinen Weinbergschnecken, die niemandem etwas getan haben. Und Frösche! Bekanntlich ist ein Genuss umso erregender, je stärker er das eng geschnürte Korsett der Moral sprengt. Nichts ist so schön wie eine verbotene heimliche Wonne.

Denjenigen jedoch, die sich an die moralisch untadeligen Tafelfreuden halten möchten, empfehle ich eine über jeden Verdacht erhabene Diät. Wenn Sie Tofu und Gemüse verspeisen, leben Sie vielleicht trist, aber im Einklang mit Ihrem Gewissen. Man muss seinen Überzeugungen folgen, und zwar konsequent! Streichen Sie Rehgulasch, Kalbsbraten und Rinderfilet von Ihrer Speisekarte! Das ist das Mindeste.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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