Mon BERLIN : Vom Kampf gegen die täglichen Verführer

Die Anrufer vom Call-Center sprechen mit der einschmeichelnden Stimme von Stewardessen beim Abheben. Dann rede ich doch lieber mit den armen Schweinen, die Werbung einwerfen.

Pascale Hugues

Werrrbung! Jeder kennt das Bittgesuch, das an einem friedlichen Nachmittag unvermittelt aus der Sprechanlage fließt. Das gerollte „r“, das „W“ zwischen Schneidezähnen und Unterlippe, die flehende Stimme unten vor dem Haus, die um Einlass bettelt.

Werrrbung kommt immer dann, wenn man sich gerade zu einer erholsamen Siesta hingelegt hat, Musik hört, ein schwieriges Telefongespräch führt. Werrrbung kommt immer im falschen Moment. Werrrbung nervt. Werrrbung macht sofort schlechte Laune und ruft zugleich schwere Schuldgefühle hervor. Schließlich kann der arme Kerl da unten vor der Tür nichts dafür. Woher soll er wissen, dass keine einzige Schachtel vom Pizza-Express jemals meine Schwelle überschreiten wird? Wie kann er ahnen, dass ich keineswegs beabsichtige, den Speicher von all dem Trödel zu befreien, mit dem er vollgestellt ist? Und mein Auto will ich auch nicht verkaufen! Ich brauche keine Klavierstunden zu Hause, kein autogenes Training, keinen Messerschleifer und vor allem kein neues pseudo-indisches Restaurant am Ende meiner Straße.

Außerdem haben schon alle Mieter in unserem Haus einen Sticker „Keine Werbung, bitte“ an ihre Briefkästen geklebt. Deutlicher geht es nicht! Ich ertappe mich, wie ich in den Hörer schreie: „Nein, nein und nochmals nein!“ Schweigen unten auf der Straße. Er besteht nicht darauf. In der Sprechanlage höre ich demütige Schritte, die sich auf dem Bürgersteig entfernen. Und mein Herz zieht sich zusammen.

Aber es gibt Schlimmeres als die Verteiler von Werrrbung, die von undankbaren kleinen Jobs leben und wie Schatten durch unser Leben ziehen. Keinerlei Mitgefühl empfinde ich für die Angestellten von Call-Centern. Sie rufen um 10 Uhr morgens an, um mir einen neuen Telefontarif vorzuschlagen, sich nach meiner Altersvorsorge oder Lebensversicherung zu erkundigen. Das sind professionelle Parasiten. Sie sprechen mit der einschmeichelnden Stimme von Stewardessen beim Abheben. Sie haben sich Selbstbewusstsein, eisige Höflichkeit und Hartnäckigkeit antrainiert. Gegen sie bin ich chancenlos. Wenn sie es erst geschafft haben, mich ans andere Ende der Leitung zu bekommen, lassen sie nicht mehr los. Ohne auch nur einmal Luft zu holen, stürzen sie sich in eine ebenso detaillierte wie kryptische Beschreibung der unterschiedlichen Telefontarife.

Nach wenigen Sekunden fühle ich mich, als würde ein Hurrikan von Sonderpaketen und günstigen Konditionen über mich hinwegfegen. Mir dreht sich der Kopf. Ich verstehe nichts mehr. Ich komme mir vor wie ein Fisch, der am Ende des Telefonkabels zappelnd nach Luft schnappt. Unmöglich, diese Stimme zu unterbrechen, die sich an mein Ohr geklebt hat. Ich bringe es nicht mal fertig, aufzulegen. Eine radikale und ziemlich wirkungsvolle Maßnahme. Nach zehn Minuten erbittertem Ringen gelingt es mir, ein Wort einzuwerfen. Ich habe erkannt, wie ich mich aus diesem üblen Spiel befreien kann, ohne unangenehm zu werden. Ich zeige mich ernsthaft interessiert. Ich bitte sie, mir „alle diese wichtigen Informationen“ schriftlich zu geben.

„Schriftlich?“, fragt sie, und plötzlich klingt ihre Stimme so verächtlich, als hätte sie es mit einer Neandertalerin zu tun. „Schriftlich!“ Ich merke, dass sie unsicher wird und dass das Gefecht sich zu meinen Gunsten zu neigen beginnt. Ich habe mich gefangen. Und nun wird mir bewusst, wie lächerlich dieses morgendliche Duell ist: Ich stehe mitten im Flur, die Füße fest auf den Boden gestemmt, das Kinn hochgereckt, die Stirn stolz – so kämpfe ich mit Körper und Seele gegen die autoritäre Stimme, die sich in meiner Ohrmuschel eingenistet hat.

Plötzlich zerreißt die Klingel die Luft des Flurs. Und mit großer Erleichterung höre ich in der Sprechanlage die vertraute und zögernde kleine Stimme, die mich vor dem Wahnsinn rettet: „Werrrbung …“

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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