Mon BERLIN : Warum es die Berliner ins Gewühle drängt

Pascale Hugues[Le Point]

Die Begeisterungsfähigkeit der Berliner fasziniert mich. Diese kindliche Freude am Mitmachen, wenn sich irgendwas in der Nähe abspielt. Denken Sie nur an das Engagement, mit dem sie persönlich die großen Männer begleiten, die ihre Stadt besuchen. Keine europäische Hauptstadt sonst hätte Barack Obama mit einer solchen Leidenschaft empfangen. Der Tiergarten im letzten Sommer, schwarz vor Menschen. Diese Schreie, diese Tränen, diese Umarmungen. Man hätte glauben können, ein Cousin aus Amerika sei gekommen, um mit jedem Einzelnen der Zehntausenden Tee zu trinken. Und dabei war Obama noch nicht mal Präsident.

Der gleiche Enthusiasmus für Paul Klee und Jeff Koons. Wochenlang wand sich zu jeder Tageszeit eine Warteschlange über den Vorplatz der Neuen Nationalgalerie. Und diese Woche klumpten sich die Berliner von morgens bis abends vor dem Berlinale-Palast, von einem eisigen Wind gepeitscht. Sie warteten darauf, dass Angelina Jolie ihre Stilettos auf den roten Teppich setzte. Von Brad Pitt bis Knut, von Rosa Luxemburg bis Paris Hilton – die Berliner öffnen ihre Arme für die Stars aller Epochen.

Tag der offenen Tür, lange Nacht der Museen, historischer Jahrestag, Eröffnung eines großen Einkaufszentrums, Ausverkauf auf dem Ku’damm, Geburtstag des

KaDeWe, Teppichschlussverkauf, ein pleitegegangenes Geschäft, das seine Warenreste verramscht, irgendwo etwas umsonst, die Gay Parade oder der Karneval … 

Man muss sie nicht einmal an den Termin erinnern: Ein Pfiff, und gleich springen die Berliner von ihrem gemütlichen Sofa auf, schnappen sich ihre Tasche, schon sind sie unterwegs. Im Frühjahr trifft man sie bei Regen oder Wind zu Tausenden auf der Avus zum Tag des Fahrrads. Ein Feuerwerk, und sie tummeln sich mitten in der Nacht auf der Straße. Niemals versäumen sie die Silvesterkracher. Würde man von ihnen verlangen, auf den Mond zu klettern – die Berliner wären einverstanden.

Dieses Verlangen nach dem Logenplatz enthüllt einen ganz ursprünglichen Wunsch: dabei zu sein. Und eine tiefsitzende Angst: die Angst, etwas zu verpassen, nicht mehr auf dem Laufenden zu sein, mit weit offenem Mund und Reue im Herzen am Ufer des großen wilden Lebensflusses zurückzubleiben. Es läuft nicht weg … den Berlinern entgeht die Weisheit dieser schönen deutschen Redewendung, die Geduld und Gelassenheit lehrt. In ihren Augen ist es das ganze Leben, das wegläuft, wenn man zu Hause bleibt.

Deshalb muss man sich beeilen, um es einzuholen. Ein paar Sekunden lang die Nippes auf dem Schreibtisch der Bundeskanzlerin zu sehen, nachdem man drei Stunden vor dem Kanzleramt Schlange gestanden hat. Das war es wert!

Ein Aquarell von Paul Klee bewundern, während man zwischen dem Po der Dame vor einem und den spitzen Ellbogen des Herrn neben einem eingezwängt ist. Ja! Eine geführte Tour durch die

Kanalisation der Hauptstadt vor dem Sonntagsbraten? Für einen Pariser eine Reise in die Hölle,

für einen Berliner ein exquisiter Aperitif.

Schon oft habe ich mich gefragt, woher diese Neugier für die eigene Stadt kommt. Der Pariser ist blasiert. Seine so selbstbewusste Kapitale schmückt sich mit tausend Jahren Tradition. Es ist eine der schönsten Hauptstädte der Welt. Viele Pariser bemerken das nicht mal mehr. In den letzten Jahren hat Paris sich kaum verändert. Berlin dagegen ist seit 20 Jahren in der Mauser. Es ist keine Schönheit, seine Reize springen nicht ins Auge. Man muss sie suchen.

Der Berliner scheint sich magisch zur Menge hingezogen zu fühlen, um Gewühle, um Gedränge. Der Pariser würde nur widerwillig stundenlang Schlange stehen. Aber ein paar hundert Meter aneinandergedrückter Körper, nein, so etwas schreckt den Berliner nicht ab. Außerdem trotzt er den Widrigkeiten mit einer perfekten Ausrüstung.

Er bringt sich eine Stulle mit und eine Thermosflasche Kaffee, ein Klappstühlchen, einen Regenschirm und manchmal einen dicken Roman. Er verwickelt seine Nachbarn in ein Gespräch. Man lacht! Man tauscht sich aus! Der Fußweg murmelt. Die Zeit ist ebenso vergessen wie die Unbequemlichkeit des langen Wartens. Man ist unter sich, und alles geht gut.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Pascale Hugues liest aus ihrem Buch „Marthe und Mathilde“ am 1. März um 11 Uhr im Kino „Die Kurbel“. Kartenvorverkauf: Buchladen Bayerischer Platz. Tel. 782 12 45.

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